Frank van Düren - Willkommen in meiner Welt
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Ein Neuanfang

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Herr Theodorus von Wickerath schaute aus dem Fenster. Das monotone Rattern der Zahnradbahn hatte ihn in eine Art Trance versetzt, beinahe so, wie er es einmal bei der Vorführung eines Mesmeristen gesehen hatte. Gedanken waren ihm in diesem Moment fern, und das war auch gut so. Die Erinnerungen würden ihn noch früh genug wieder übermannen.
Die Bahn transportierte Theodorus vom nördlichen Luftschiffhafen nach Groß-Colonia. In der Ferne konnte er bereits die gewaltige Stadtmauer der Metropole sehen. Schon jetzt passierte die Bahn zahllose kleine Siedlungen und Gehöfte, auf denen das Volk seinem Tagewerk nachging. Einmal rannte eine Bande lachender Kinder neben der Zahnradbahn her, als diese in gemächlichem Tempo einen großen Bauernhof passierte, aber ansonsten beachtete niemand das Gefährt weiter. Die einfachen Menschen hier auf dem Lande waren mit ihren eigenen Dingen beschäftigt, nur wenige konnten mit den technischen Errungenschaften der Städter etwas anfangen. Dennoch waren hier und da auf den Feldern mechanische oder dampfbetriebene Gerätschaften zu sehen, die den Arbeitern dort das Leben erleichterten. Der Fortschritt ist nicht aufzuhalten dachte Theodorus bei sich.
Müde blickte er sich im Abteil um. Die anwesenden Damen und Herrschaften kannte er bereits von der Fahrt mit dem Luftschiff. Alle waren erschöpft und konnten es kaum erwarten, endlich ihr Ziel zu erreichen. Selbst die Zwillinge von Mademoiselle Rochefort waren still. Tatsächlich schliefen sie, die Aufregung der langen Reise hatte sie völlig erschöpft.
Die Mademoiselle und ihre beiden Gören waren beim Zwischenstopp der "Ariadne" - so der Name des Schiffs - in Paris zugestiegen und hatten in die Sitzgruppe auf der anderen Seite des Gangs Platz genommen, sehr zum Leidwesen des Theodorus. Nicht wegen der Dame, diese hatte sich als sehr eloquente und angenehme Gesprächspartnerin entpuppt. Aber bedauerlicherweise hatte sie ihre Nachkommen nicht im Griff, sodass die beiden über lange Zeit die Reisenden der Elisabetha mit Geplapper und Unruhe gestört hatten.
"Das liegt daran, dass dies ihre erste Luftschifffahrt ist." hatte Mademoiselle Rochefort angebracht. "Joline und Juliette sind ganz aufgeregt! Und wer kann es Ihnen verdenken? Sie haben das Frankenreich noch nie verlassen!"
Dem hatte Theodorus nicht widersprochen. Zwar war ihm das Verhalten der Kinder überaus unangenehm, doch wollte er es sich mit Bernadette Rochefort auf keinen Fall verscherzen, war sie doch die Gattin des hochehrenwerten Jaques-Pierre Rochefort, seines Zeichens ein angesehener Diplomat und obendrein Kanzleimitglied. Also ignorierte von Wickerath die ungezogenen Zöglinge.
"Wie lange waren Sie nun in Africa Herr Direktor?"
Die Frage der Mademoiselle riss Theodorus aus seiner Erinnerung und holte ihn zurück in die Gegenwart.
"Vier Jahre." erwiderte er schroff, nicht sicher, ob sie darüber nicht bereits einige Stunden früher geplaudert hatten, als sie noch im Luftschiff gewesen waren. Rochefort ließ sich von seiner mürrischen Art indes nicht beeindrucken.
"Sind Sie zwischenzeitlich denn wieder hier in Europa gewesen?"
"Nur einmal, vor zwei Jahren. Zur Beerdigung meiner Mutter."
"Dann haben Sie die neuesten, technischen Errungenschaften sicher nicht alle mitbekommen. Sie werden überrascht sein!" stellte die Rochefort fest, nicht ohne sich aus unerfindlichen Gründen über diese Erkenntnis zu freuen.
Tatsächlich hatte Theodorus recht abseitig gelebt. Er war Direktor einer größeren Edelsteinmine im Besitz des Westrheinisch-germanischen Handelskontors gewesen. Seine Arbeit hatte er geliebt und vorzüglich absolviert, bis zu jenem Tag. Dem Tag, als seine geliebte Elli an einem Schacht zu Tode gestürzt war. Ob der Erinnerung an jenes Ereignis zog sich sein Herz vor Schmerz zusammen.
"Was haben Sie?" fragte Mademoiselle Rochefort, der sein erneuter Stimmungsabfall nicht entgangen war.
"Nichts." erwiderte er. Natürlich nahm sie ihm das nicht ab. Aus Respekt hakte sie aber auch nicht weiter nach.
Der ehemalige Direktor verdrängte die Erinnerungen an das Unglück, so gut er konnte. Es war nun drei Monate her, und solange er nicht weiter darüber nachdachte, war die Wehmut erträglich. Allerdings hatte ihn in der Mine alles an Elli und ihr tragisches Ende erinnert, weswegen er letztendlich beim Kontor um Versetzung gebeten hatte. Die Mühlen mahlten langsam, aber als schließlich ein Nachfolger für seinen Posten gefunden war, konnte er sich auf die Reise nach Groß-Colonia machen. Jene Reise, deren Ende nun nahe war. Bereits am morgigen Tag sollte er beim Handelskontor vorstellig werden, damit man über seine Zukunft befinden konnte.
"Ich habe in Africa gelebt, nicht hinter dem Mond!" nahm Theodorus das Gespräch mit der Rochefort wieder auf. Ein Lächeln und ein Augenzwinkern seinerseits sorgten dafür, dass die frostige Atmosphäre wieder an Wärme gewann. Ein durchaus gehaltvolles Gespräch über den rasanten technischen Fortschritt und die Errungenschaften der Wissenschaft entbrannte.
Zwar hatte er in Africa wirklich nicht jede Neuerung mit eigenen Augen verfolgen können, aber er war stets wissbegierig geblieben. Also hatte er sich über Zeitschriften und Bücher auf dem Laufenden gehalten. Sie lebten in einem Zeitalter des stetigen Wandels, ständig präsentierten die Forscher und Tüftler neue, aufregende Geräte, welche Arbeit und Alltag revolutionierten. Insbesondere die Entdeckung der Kraft des Dampfes hatte Undenkbares möglich gemacht!
Aber auch die rein mechanischen Erfindungen wurden immer trickreicher und detaillierter. In seiner Mine hatte er erst kurz vor seiner Abreise ein ganz neues Aufzugsystem installiert bekommen, welches den Arbeitern den Abstieg in die Schächte immens erleichterte. Die Zahnradbahn, in der sie saßen, war auch höchst modern. Das technische Prinzip dahinter war schon einige Jahre erfunden, aber damals war eine Reise in einem solchen Gefährt extrem holprig und mit häufigen Unterbrechungen verbunden gewesen. Die jetzige Fahrt hingegen verlief sehr angenehm. Zwar hörte man stets das leise klackern der Zähne, wenn sie in die Schiene griffen, aber dies war im Grunde ein sehr beruhigendes Geräusch. Der Klang einer glorreichen Zukunft!
Mit Begeisterung hatte Theodorus auch Berichte über dampfbetriebene Schienenfahrzeuge, die sogenannten Lokomotiven, in sich aufgesogen. Welch ein Wunder mussten diese gewaltigen Gefährte sein! Zudem wusste er, dass das Kontor sich in diesem Bereich engagierte, und in seinem Versetzungsgesuch hatte er anklingen lassen, dass er sich eine Tätigkeit in diesem Feld durchaus vorstellen konnte. Vielleicht hatte die Leitung ja einen passenden Posten für ihn. Als er der Mademoiselle mit leuchtenden von jenen Ambitionen berichtete, erntete er ein amüsiertes Kichern. Ein Blick aus dem Fenster verriet von Wickerath, dass Groß-Colonia mittlerweile ganz nah war. Die beeindruckende Stadtmauer, welche den Kern der Metropole eher aus nostalgischen Gründen umschloss, rückte immer näher. Invasoren waren kaum zu erwarten, und wenn würden diese mit modernem Kriegsgerät anrücken, mit dem sich die Mauer problemlos einreißen oder überwinden ließ. Und doch strahlte das alte Gemäuer eine nahezu majestätische Kraft aus, weswegen sich die Stadtoberen stets allen Bemühungen verwehrt hatten, es einzureißen. Mancher Unternehmer sah in der Stadtmauer indes ein Hindernis und wollte an ihrer statt lieber Fabriken und Straßennetze sehen, um seinen Profit zu erhöhen.
In der unaufhaltsam näher kommenden Mauer tat sich ein Tor auf. Die gewaltigen Flügel bewegten sich wie von Geisterhand, doch Theodorus ließ sich davon nicht beeindrucken. Solche Technik gehörte längst zum Alltag. Wie er wusste, stand dahinter ein kompliziertes Geflecht aus Zahnrädern, Federn und anderen Bauteilen, welche durch einen einfachen, mechanischen Impuls in Bewegung gesetzt wurden. Im Falle der Zahnradbahn fuhr diese an einer bestimmten Stelle über einen gespannten Draht, welcher dadurch herab gedrückt wurde und das einige Schritt entfernte Tor in Bewegung versetzte. Hinter der Stadtmauer würde ein ähnliches Konstrukt die exakte Gegenbewegung einleiten. Gelegentlich musste wohl durch Manneskraft an einem großen Triebrad zusätzliche Spannung eingebracht werden, da bei jedem Öffnen und Schließen des Tors ein Teil der im Konstrukt gespeicherten Energie verloren ging. Würde man da nicht nachhelfen, das Spiel wäre nach einer endlichen Anzahl Durchläufe vorbei.
In einer Zeitschrift hatte Theodorus gelesen, dass einige führende Wissenschaftler sich zusammen getan hatten, um ein Perpetuum Mobile zu entwickeln. Es war ein großer Traum der Menschen, Maschinen zu bauen, die ohne Energiezufuhr endlos ihre Arbeit verrichteten. Angeblich standen die Forscher diesbezüglich kurz vor einem Durchbruch.
Es klackerte und ratterte, als die Bahn das Tor passierte und sich eben jenes hinter ihnen wieder zu schließen begann.

Groß-Colonia stank. Zwar hatte man damit begonnen, das alte Prinzip der Latrinen neu zu kultivieren, aber das war ein wahnsinniges Unterfangen, welches wohl noch viele Jahre andauern würde. Bis dahin sollte der Geruch der Fäkalien von Mensch und Tier sich weiterhin mit all jenen Ausdünstungen mischen, welche durch Fabriken, Maschinen und Forschungseinrichtungen über die Stadt zogen.
Überall puffte und zischte und quietschte es. Hier ein lauter Knall, als ein Gasexperiment schieflief, dort das Geschrei der Händler, welche sich um ihren Standplatz balgten. Überhaupt drang ein irrsinniger Geräuschteppich an von Wickeraths Ohr. Es war Markttag. Nachdem Theodorus von Wickerath sein Hotelzimmer bezogen hatte, war er umgehend in die Stadt gegangen. Zu lange hatte er die Zivilisation vermisst, also sog er nun alles begierig in sich auf. Ihn störte weder Lärm, noch Gestank, noch das Gedränge. Im Gegenteil, all dies erfüllte ihn mit Euphorie!
An einem großen Marktplatz blieb er stehen und ließ seinen Blick über die Menge schweifen, dann zum Himmel. Dort konnte er vereinzelt Luftschiffe und Gasballons ausmachen. Zwar hatte man den Luftverkehr über Groß-Colonia stark eingeschränkt, da es in der Vergangenheit zu oft zu Abstürzen mit verheerenden Folgen gekommen war, aber reiche Gesellschaften und wohlhabende konnten sich Ausnahmegenehmigungen kaufen. In der Ferne erblickte er ein besonders gewaltiges Schiff in den Farben seines Handelskontors, mit Kurs auf den Turm der Hauptniederlassung. Dort würde er sich morgen ebenfalls einfinden.
Nachdem er sich ausreichend am Gesamtbild der lebenden Metropole ergötzt hatte, streifte Theodorus zunächst ziellos durch die Straßen und Plätze. Der Markt war gewaltig, überall standen Buden und Tische, an denen man alle Arten von Waren erwerben konnte. Mancher Händler trug einen Bauchladen vor sich her, andere führten technische Gerätschaften vor, mit dem Anliegen, dass man diese dann auch kaufte. Theodorus erstand das eine oder andere Souvenir, sowie eine neue Taschenuhr. Er liebte Uhren und die darin verarbeitete Feinmechanik, und er verfügte über eine ansehnliche Kollektion selbiger. Seine Sammlung befand sich allerdings derzeit noch auf jenem Schiff, welches seine Habseligkeiten von Africa in die Hansestädte brachte, wo diese dann eingelagert werden sollten, bis feststand, wo sich sein zukünftiger Wohnsitz befinden würde. Leider hatte man ihn bisher gar über den Kontinent im Unklaren gelassen, auf dem man ihn als nächstes einsetzen würde.
Es trieb ihn weiter durch die Stadt und bei so mancher Vorführung blieb er fasziniert eine Weile stehen. Einmal allerdings packte ihn auch Entsetzen! Ein Scharlatan hatte eine Glaskugel über Drähte mit einem Laufrad verbunden, in dem Mäuse ihre Runden drehten. Und immer, wenn die kleinen Biester losliefen und das Rad sich um die eigene Achse wirbelte, leuchtete im Inneren der Glaskugel eine Spindel auf! Der windige Geselle versuchte, den Menschen diese Art der Beleuchtung anzudrehen, aber nur sehr wenige ließen sich davon ansprechen. Die meisten Passanten machten einen großen Bogen darum, denn Elektrizität war geächtet und galt als äußerst gefährlich. Zu oft hörte man von Menschen, die vom Blitz getroffen tot umgefallen oder zumindest wahnsinnig geworden waren. Theodorus verfluchte den Mann mit der Glaskugel und ging weiter. Es dämmerte bereits und er wollte die steigende Aufregung wegen des bevorstehenden Treffens mit der Kontor-Leitung mit ein wenig Alcohol im Zaum halten.

Beim "Kollerwirt" kehrte er schließlich ein. Er kannte diese Schankstube und ihren Betreiber, den ehrenwerten Herrn Hans Koller, noch von früheren Besuchen in Colonia. So vieles hatte sich verändert, daher war Theodours dankbar dafür, dass dieses traditionsreiche Gasthaus noch an selber Stelle und unter bekannten Namen zu finden war.
Im Inneren war es gleichsam voller Leute und so laut und geruchsintensiv wie im Rest der Stadt, wenngleich die Nuancen sich hier deutlich verschoben. Der verführerische Geruch des Alcohol lag über allem und wurde höchstens vom Transpirant der Gäste etwas getrübt. Alle anderen Ausscheidungen wurden im Hinterhof verrichtet. Koller achtete penibel auf die Sauberkeit seiner Stube.
Leider konnte der Direktor seinen alten Freund nirgendwo sehen, es bedienten augenscheinlich nur Mägde und Knechte. Man wies ihm einen Tisch zu, nahm seine Bestellung auf und nur wenige Augenblicke später hatte er einen köstlichen Wein vor sich stehen. Während er jenen genoss, beobachtete er die anderen Gäste.
Eine gar nicht mal unattraktive Dame machte ihm mit ihren Blicken eindeutige Avancen, während ein sichtlich angetrunkener Herr an ihrem Kleid nestelte. Theodorus ignorierte sie jedoch. Noch war er nicht bereit zu Tändeleien mit anderen Frauen. Auch wenn er klare Gedanken zu diesem Thema mied, Elsbeths Tod hatte ihn für solche Anwandlungen abgestumpft.
An verschiedenen Tischen wurde gespielt, überall wurde getrunken und vereinzelt tischten Mägde und Knechte auch Speisen für die Gäste auf. Das war nicht unüblich, allerdings hatten die meisten Menschen zu so später Stunde ausreichend gespeist. Er selbst orderte sich einen Teller Pilzsuppe, da er doch ein wenig Hunger verspürte. Die Suppe mundete köstlich!
Während er genüsslich den Teller leer löffelte, tauchte an seiner Seite ein Mann auf. Zunächst erschrak Theodorus, denn der Fremde war von sehr dunkler Gestalt und starrte auf ihn herab. Doch dann erschien ein strahlend weißes Lächeln im schokobraunen Gesicht des hochgewachsenen Mannes, und das Feuer der Erkenntnis erfüllte den Direktor - der Fremde war gar nicht fremd!
"Leutnant Mbele! Was führt Dich denn nach Groß-Colonia?" stieß Theodorus voller fassungsloser Freude aus und sprang so schnell auf, dass er beinahe seinen Suppenteller vom Tisch stieß. "So nimm doch Platz!"
Der dunkelhäutige Antonius Mbele überragte Theodorus um Kopfeslänge und war von kräftiger Statur. Sein vollkommen durchtrainierter Körper steckte in der Ausgehuniform seiner Einheit. Leutnant Mbele war Offizier der 3. Brigade der Bestia Negra, einer germanisch-africanischen Elite-Einheit. Und als solcher war er lange Zeit für die Sicherheit genau jener Mine zuständig gewesen, die Theodorus als Direktor geführt hatte.
"Meine Brigade ist auf der Durchreise, wir sollen in einem Monat an der Parade zu Ehren des Kanzlers teilnehmen." erwiderte Mbele mit einem breiten Lächeln. "Die Obrigkeit will bei dessen Geburtstag mit ihren Moiren angeben."
Früher war "Moiren" ein Schimpfwort vor alle dunkelhäutigen Mitmenschen gewesen, aber seit sich der Africanische Kontinent als Quell der besten Soldaten und Arbeiter des Erdballs, aber auch vieler feinsinniger Künstler und Philosophen entpuppt hatte, trugen viele diese Bezeichnung voller Stolz. Es war ein Paradebeispiel dafür, wie der Fortschritt die komplette Welt und die Wahrnehmung der Leute verändert hatte.
Nachdem Mbele sich ebenfalls einen Wein hatte bringen lassen, stießen die beiden alten Kameraden miteinander an.
"Das ist wahrhaft ein erfreulicher Zufall!" gluckste Theodorus vergnügt. "Ich hätte nie erwartet, nach so vielen Jahren der Abwesenheit hier in Groß-Colonia einen Freund zu treffen."
"Ich glaube nicht an Zufälle." widersprach Mbele mit einem Anflug von Ernst, um dann aber gleich wieder fröhlich zu werden. "Lass uns nicht darüber sprechen. Vielmehr möchte ich wissen, was nun Deine Ziele sind. So Berichte doch!"
Antonius hatte Theodorus wie kein zweiter beigestanden, nachdem das Unglück um Ellie geschehen war. Überhaupt waren die beiden längst enge Freunde geworden. Schon vor Jahren war es Theodorus gewesen, der den Leutnant gegen eine schlimme Verleumdung durch einen damaligen verschmähten Verehrer in Schutz genommen hatte. Mbele gehörte zu jenen, die sowohl Männern als auch Frauen zugeneigt waren. Für jenen Mann jedoch hatte er sich seinerzeit nicht erwärmen können, und aus Rache hatte dieser versucht, Mbele des Hochverrats zu bezichtigen. Nur durch Theodorus ehrenhafte Zeugenaussage war die Lüge ans Licht gekommen.
"Nun, ich werde morgen vom Vorstand darüber informiert, wohin ich versetzt werde. Mein Wunsch wäre es ja, im Bereich des Eisenbahnausbaus mitzuwirken."
"Ich erinnere mich gut an deine Begeisterung für Lokomotiven." schmunzelte Mbele.
Eine Weile plauderten sie ausgelassen über Technik. Es war eine Leidenschaft, die sie beide teilten, wenngleich Mbele sich vor allem für Waffensysteme interessierte. Daher drehte sich ihr Gespräch besonders lange um dampfbetriebene Panzerfahrzeuge, welche die Kriegführung momentan revolutionierten.
Nach einer Weile wurde der Leutnant plötzlich sehr ernst und wechselte das Thema.
"Hör zu Theo. Leute verschwinden spurlos. Es heißt, die Kanzlei habe eine Reihe von Gesetzen verfasst, welche die neue Weltordnung festigen und unerwünschte Personen entfernen sollen."
"Warum erzählst Du mir das jetzt?" fragte Theodorus entsetzt. Er fühlte sich vor den Kopf gestoßen. Nach all den anregenden Worten riss ihn sein Freund mit solch einer Wendung aus seiner seligen Stimmung.
"Ich muss jetzt los. Pass auf Dich auf!" sprach Mbele, stand plötzlich auf und verschwand ohne jeden weiteren Abschiedsgruß.
Eine Weile noch saß Theodorus verdattert da und sinnierte über die Worte des Leutnants. Was in diesen gefahren war, darauf konnte er sich keinen Reim machen. Resigniert machte er sich schließlich auf den Weg zum Hotel.

Der gewaltige Turm, in dem sich der Sitz des Westrheinisch-germanischen Handelskontors befand, war eine architektonische Meisterleistung. Selbst im trüben Nieselregen dieses Morgens schien er zu strahlen, was an dem feinen Edelsteinstaub lag, der in den Putz der Fassade eingearbeitet war. Ganze zwölf Stockwerke türmten sich übereinander, womit das Gebäude eines der höchsten in ganz Groß-Colonia darstellte. An der Spitze war neben dem Luftschiffsteg auch ein Anlegeplatz für Gyrokopter befestigt, dampfbetriebene Fluggeräte mit Rotor, die man nur äußerst selten am Himmel sah. Ihre Produktion war äußerst kostspielig, die Reichweite ihrer Flüge arg begrenzt, aber sie waren ungewöhnlich schnell. Der Vorstand verfügte über zwei dieser Gerätschaften, die aber derzeit beide nirgendwo zu sehen waren. Sie wurden meist dann benutzt, wenn ein dringender Besuch in einer der kleineren Niederlassungen im Umland anstand.
Theodorus selbst hatte noch nie einen Gyrokopter zu Gesicht bekommen, sich aber rege über diese wundersamen Flugobjekte informiert. Natürlich wusste er alles darüber und hatte seine Begeisterung nicht im Zaum halten können, als er von der Anschaffung eben jener durch das Kontor erfahren hatte. Innerlich hoffte er darauf, dass sich während seines Aufenthalts in Colonia eine Gelegenheit für einen Rundflug mit einem Gyrokopter ergeben würde.
Überhaupt stieg gerade seine freudige Anspannung. Das unliebsame Ende des gestrigen Abends hatte er längst abgetan, und auch die Tropfen, die auf ihn herab fielen, trübten seine Stimmung kaum. Sein Mantel war klamm, sein Geist indes lief auf Hochtouren.
Der Vorstand hatte sich in seinem Schreiben sehr bedeckt gehalten, aber das war nichts ungewöhnliches. Viele übermittelte Nachrichten waren kryptisch und dabei noch chiffriert, um Spionage vorzubeugen. Theodorus sah dies eher als gutes Zeichen an, denn es ließ vermuten, dass man ihn weiterhin hoch schätzte und ihm erneut eine gehobene Position zu Teil kommen lassen wollte.
Das Tor zum Turm war von Gardisten flankiert, an jeder Seite zwei. Diese dienten vor allem der visuellen Abschreckung. Tatsächlich waren die Sicherheitsmaßnahmen immens, schließlich war dies hier die Schaltzentrale eines der größten Konzerne des gesamten Planeten Erde. Im Inneren befanden sich materielle wie geistige Reichtümer ungeahnten Ausmaßes. Dementsprechend umfangreich waren die Vorkehrungen, um unerwünschte Eindringlinge abzuwehren. Das Westrheinisch-germanische Handelskontor verfügte über eigene Sicherheitsleute, engagierte aber daneben auch immer militärische Einheiten und Söldner, um die Sicherheit seiner Güter zu gewährleisten. Theodorus war sich bewusst, dass überall am Eingangsbereich und auch im Inneren des Gebäudes mechanische Fallen und Schutzvorrichtungen die Menschen und Schätze des Kontors schützten, was ihm zugleich Unbehagen und Stolz bereitete. Immerhin war er Teil dieses mächtigen Apparates! Allerdings wusste er auch, dass er sich in diesem Hochsicherheitsgebäude keinen Fehltritt leisten durfte und niemals die für seine Position zugänglichen Bereiche verlassen sollte. Wobei er als Direktor schon über recht ausgeprägte Befugnisse verfügte und die meisten Bereiche auch ohne Aufsicht betreten und begutachten durfte.

Im Turm herrschte emsiges Treiben. Überall knatterten die Schreibmaschinen, piepten Morsegeräte und klingelten die Telefone. Nachdem Theodorus beim Empfang erfahren hatte, in welchem Büro man ihn erwartete, steuerte er auf einen der Aufzüge zu. Ein Fahrstuhlführer hielt die Tür lange genug auf, dass er zusteigen konnte und erfragte das Stockwerk, in dem er auszusteigen gedachte.
Durch seine gehobene Position wusste der Direktor, dass es unter dem Turm mehrstöckige und weitläufige Kellergewölbe gab, in denen Archive und auch so manche Schätze untergebracht waren. Diese konnte man auch über die Aufzüge erreichen, sie waren aber nicht auf der Stockwerksübersicht abgebildet. Nur der Vorstand und die Aufzugführer kannten die Codes, die an der Schalttafel eingegeben werden mussten, um dort hinunter zu gelangen. Über das offizielle Treppenhaus gab es keinen Zugang zum Keller, geheime Treppen und Fluchtwege gab es aber allemal.
Dies hier war die Hauptniederlassung des Kontors. Der Konzern war aber in allen wichtigen Städten des Erdballs vertreten und verfügte über ein riesiges Netz an kleinen Niederlassungen, zwischen denen Waren, aber auch Informationen schnell verschickt werden konnten.
Je mehr Theodorus darüber nachdachte, desto mehr schwoll seine Brust vor Stolz. Ich bin Teil dieser fantastischen Firma! dachte er einmal mehr bei sich, während eine junge Sekretärin im achten Stock aus dem Fahrstuhl ausstieg. Nun war er mit dem hageren Fahrzeugführer alleine in der Kabine.

Die Vorfreude wuchs ins Unermessliche, als der Führer ihn schließlich mit einem kernigen "Aussteigen bitte!" aus der Kabine bat. Er betrat einen großen Raum, der die Form eines Kreissektors hatte und exakt ein Drittel des Turmes hier oben füllte. Die gewölbte Front vor ihm war mit Kristallglas versehen, welches von der Decke bis zum Boden reichte und selbst von seiner Position am Aufzug ein beeindruckendes Panorama mit Blick über Groß-Colonia bot. An der Wand rechts von ihm hingen zahlreiche Gemälde alter Meister. Eines war gar vom großen Denker DaVinci persönlich! Es handelte sich um die Originalzeichnung eines ersten Entwurfes des Gyrokopters und hing in der Mitte der sich rechts von ihm wölbenden Wand, flankiert von diversen anderen alten Malereien. Die Wand zu seiner Linken zierte eine Galerie mit Portraits der Erzdirektoren des Handelskontors, vom Firmengründer Eduard Hansen bis zur aktuellen Erzdirektorin Margarete Anders-Lohenstein. Das Kontor war längst eine Aktiengesellschaft und wurde von einem Vorstand aus Großaktionären geführt, aber traditionell stand an der Spitze eine von jenem Vorstand eingesetzte Person, die sich um die Angelegenheiten der Firma besonders verdient gemacht hatte und als Erzdirektor die letzte Entscheidungsgewalt in Streitfragen bekam.
Beide Wände wurden mittig jeweils von einer großen Portaltür unterbrochen und waren mit feinstem Mahagoni verkleidet. Boden und Decke waren mit Marmor bestanden aus Marmor, wobei von der Decke drei prachtvolle, neunköpfige Kerzenleuchter hingen. Die Möblierung dieses riesigen Saales fiel indes überraschend karg aus. Lediglich eine längere Tafel stand quer vor der gewölbten Scheibe, von Theodorus aus gesehen dahinter waren drei große, bequem aussehende Sessel platziert. Auf seiner Seite fand sich lediglich ein einfacher, ungepolsterter Holzstuhl. Diese Anordnung verunsicherte ihn für einen Augenblick, aber seine freudige Erwartung des bevorstehenden Gespräches obsiegte schnell. Hier ging es um seine Zukunft! Er war vom Vorstand zu diesem Gespräch eingeladen worden und die Erzdirektorin persönlich hatte das Schreiben an ihn signiert!

Unvermittelt zuckte Theodorus zusammen, als ein lautes Rasseln erklang und die Portaltür zu seiner Linken sich mechanisch öffnete. Noch mehr erschrak er, als zwei Soldaten des Schutzschwadrons zackig den Raum betraten, gefolgt von drei weiteren Personen. Die Schutzschwadron war eine Sondereinheit der Kanzlei, die sich um die unmittelbare Durchsetzung der Gesetze kümmerte. "Was machen die denn hier?" fragte er sich in Gedanken, während die beiden hochgewachsenen und bewaffneten Männer schnurstracks auf ihn zu maschierten, um sich zackig an seinen Flanken zu positionieren.
"Was geht hier vor?" stieß von Wickerath gepresst hervor, kam er sich doch auf einmal vor wie ein Gefangener.
"So nehmen Sie doch Platz Direktor von Wickerath." Die Stimme der zierlichen Dame war eisig. Erst jetzt erkannte er sie, es war die Erzdirektorin Anders-Lohenstein höchstpersönlich! Damit hatte er nun wahrlich nicht gerechnet.
Noch bevor er etwas erwidern konnte, griffen ihn die beiden Schutzschwadroneure an den Armen und setzten ihn unsanft auf den Holzstuhl, gegenüber vom Pult, wo die Erzdirektorin und ihre beiden Begleiter auf den Sesseln Platz nahmen.
Den Mann zu ihrer Linken kannte Theodorus ebenfalls. Es war der Vorstandsvorsitzende Wilhelm Berenbach, ein kleiner, untersetzter Mann mit hoher Stirn und kleinen Schweinsäuglein. Er wirkte auf den ersten Blick etwas einfältig, doch davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Nicht umsonst war Berenbach der Erste Vorsitzende eines der größten Konzerne der Welt. Der Mann war mit allen Wassern gewaschen. Ein einziges Mal waren Berenbach und von Wickerath sich begegnet. Das war, als der Erste Vorsitzende eine Inspektionsreise durch Africa unternahm, bei der auch Theodorus Mine unter die Lupe gewonnen wurde. Ihre Begegnung war sehr professionell und respektvoll verlaufen, nachdem Berenbach sich davon überzeugt hatte, dass es an Theodorus Berufung als Direktor nichts auszusetzen gab und die Mine wie ein Uhrwerk funktionierte.
Rechts von der Erzdirektorin stand eine junge Frau in der Offiziersuniform des Schutzschwadrons. Sie hatte ihre blonden, schulterlangen Haare zu einem Zopf geflochten und blieb auch dann noch beharrlich stehen, als alle anderen Platz genommen. Alle, bis auf ihre Soldaten natürlich.
"Sie sind Theodorus von Wickerath?" fragte sie knapp. Ihr Blick lag auf ihm, doch konnte er darin keine Gefühlsregung ausmachen.
"Ja, der bin ich", erwiderte er und ließ den Blick über die drei Personen am Pult gleiten. "Ich fragte bereits: Was geht hier vor?"
"Sie sind Sohn von Theofallus von Wickerath, der wiederum der Sohn des Theodorus Julius von Wickerath ist?"
"Mein Großvater, ja. Was tut das zur Sache? Und wer sind Sie überhaupt?" Ärger stieg in ihm auf.
"Ich stelle hier die Fragen, Herr von Wickerath." wies ihn die Schutzschwadroneurin zurecht.
Erst jetzt fiel ihm auf, dass sie seinen Titel nicht verwendeten. Auch wenn er vorübergehend von seinem Posten freigestellt war, so war er dennoch weiterhin ein Direktor des Westrheinisch-Germanischen Handelskontors! Ärger stieg in ihm auf, doch bevor er seinem Unmut Luft lassen konnte, mischte sich die Erzdirektorin ein.
"Herr Direktor, ich möchte Ihnen General Sarah Elbert von der Schutzschwadron vorstellen. Sie ist auf Geheiß der Kanzlei hier und hat alle Befugnisse vorgelegt, um Sie zu befragen. Ich bitte daher um Ihre Kooperation."
Der erste Vorsitzende Berenbach hatte bisher nichts gesagt, rutschte aber nervös auf seinem Sessel hin und her. Er war der einzige, der Theodorus Blick nicht erwiderte.
"Sie bestreiten also nicht, väterlicherseits direkt von einem Adeligen abzustammen?" führte die Generalin unbeirrt ihre Befragung fort.
Jetzt schwante Theodorus, worum es ging. Adelige waren seit dem Ende des großen Krieges in der Gesellschaft geächtet, hatten sie diese grausamen Wirren doch erst ausgelöst. Sein Großvater selbst war aufgrund seines blauen Blutes und der Verwicklungen in die Ereignisse des Krieges hingerichtet worden, und beinahe hätte seinen Vater das gleiche Schicksal ereilt. Lediglich der Umstand, dass er sich mit einer bürgerlichen - Theodorus Mutter - vermählt hatte, rettete Theofallus von Wickerath das Leben. Alle Adeligen, die sich auf diese Weise mit dem einfachen Volk vermischten, fielen so unter den Amnestieparagraphen. Wer dem Adel abschwor, der wurde geduldet und entging dem Henker.. Letztlich hatte sein Vater Theodorus so die Möglichkeit verschafft, als Abkömmling einer Bürgerlichen ein ganz normales Leben zu führen und gar beim Westrheinisch-germanischen Handelskontor Karriere zu machen.
"Ich bin bürgerlich." presste Theodorus hervor. "Es steht in meinem Pass!" Er wollte unter seinen Mantel greifen und jenen rausholen, schreckte jedoch sofort zurück, als die Soldaten an seiner Seite unwillkürlich ihre Gewehre auf ihn richteten.
"Lasst ihn." wies Elbert ihre Männer an, die daraufhin ihre Waffen senkten. Leicht zotternd holte Theodorus seinen Pass hervor und überreichte ihn der Generalin, die mittlerweile um das das Pult herum gegangen war und nun direkt vor ihm stand. Da er nach wie vor auf seinem Stuhl saß, konnte sie so auf ihn herab blicken. Sie nahm das Dokument und fing an, darin zu blättern.
Hilfesuchend schaute Theodorus zu den beiden anderen. Berenbach blickte unwillkürlich zur Seite. Die Erzdirektorin erwiderte seinen Blick. In ihren Augen vermeinte er Mitleid auszumachen, aber ihre Miene war regungslos.
Aus dem Augenwinkel nahm Theodorus wahr, wie die Generalin seinen Pass an einen der Soldaten weiterreichte, der diesen umgehend einsteckte.
"Was...?"
"Das ist ein Beweisstück und somit konfisziert!" fuhr ihn die Elbert überraschend scharf an, um dann wieder zu ihrer kalten Stimme zurück zu finden.
"Herr Theodorus von Wickerath, ich informiere Sie hiermit darüber, dass der Kanzler den Amnesieparagraphen mit Zustimmung der Kanzlei aufgehoben hat. Wiederholte adelige Umtriebe haben erwiesen, dass Ihresgleichen trotz aller Versprechungen nicht zu einer Besserung in der Lage sind und an Ihren widerlichen Gewohnheiten festhalten. Nach Paragraph 612a der neuen Reichsschutzverordnung nehme ich Sie hiermit fest und lasse Sie in ein Internierungslager überführen, wo man über Sie richten wird."

Im Nachhinein kam Theodorus das Erlebte unwirklich vor. Sein Protest war von den beiden Schutzschwadroneuren im Keim erstickt worden, die ihn umgehend abgeführt hatten. Weder die Erzdirektorin, noch der Erste Vorsitzende waren ihm zu Hilfe gekommen. Sie hatten geschwiegen. Man hatte ihm Handschellen angelegt und ihn wie einen Verbrecher abgeführt. Vorbei an Belegschaft und Passanten, die ihn mit Abscheu und Verständnislosigkeit gestraft und teils beschimpft hatten, obwohl sie nicht einmal wussten, warum man ihn verhaftet hatte. Schließlich war er froh gewesen, als man ihn in den dampfbetriebenen Gefängniswagen verfrachtet hatte. Länger hätte er diese Schmach nicht ertragen können.

Längst hatten sie Groß-Colonia verlassen, wie er durch das winzige Gitterfensterchen in dem ansonsten vollkommen geschlossenen Transporter erkennen konnte. Wohin genau die Reise gehen würde, wusste er nicht. Er hatte von den Internierungslagern gehört, in die man angeblich notorische Verbrecher und subversive Subjekte brachte, um sie von dort in die Strafkolonien nach Australien oder Südamerika zu verfrachten. Gerüchteweise wurden viele Delinquenten gleich vor Ort in den Lagern hingerichtet. Theodorus von Wickerath hatte nie auch nur an die Existenz dieser Lager geglaubt, schien es ihm doch unmöglich, dass die Kanzlei sich unliebsamer Menschen auf solche Weise entledigte. Jeder hatte das Recht auf einen fairen Gerichtsprozess! Dieses Grundrecht war seinerzeit zusammen mit dem Amnesieparagraphen eingeführt worden, um die damals um sich greifende Lynchjustiz zu unterbinden. Theodorus konnte noch immer nicht fassen, das ihm nun selbst solche eine Ungerechtigkeit widerfuhr!
Aus dem Nichts ertönten Schüsse. Querschläger knallten gegen den Stahl des Gefängnistransporters. Er hörte, wie die in der Fahrerkabine postierten Wachen zurück feuerten. Schreie ertönten, abrupt kam der Transporter zum Stehen und von Wickerath wurde hart gegen die Vorderwand der Kabine geschleudert. Benommen rappelte er sich wieder auf, weitere Schüsse - diesmal näher - erklangen.
Das ist das Ende dachte er schreckerfüllt. Dann hörte er ein kurzes klickern und die Tür zu seinem Gefängnis wurde aufgerissen. Geblendet vom plötzlich in die dunkle Kammer stoßenden Sonnenlicht drückte er sich ängstlich gegen die Wand, seinen sicheren Tod vor dem geistigen Auge. "Jetzt sehen wir uns wieder, Ellie." sollte sein letzter Gedanke sein.
"Nun komm schon, wir haben nicht viel Zeit!"
Die Stimme klang vertraut. Eine dunkle Hand griff nach seinem Handgelenk und zog daran.
"Beweg deinen Allerwertesten, Theo!"
"Mbele? Wie... was...?"
"Wir bringen Dich hier weg." sagte sein Freund in fast sanftem Tonfall.
Draußen standen weitere Mitglieder der Bestia Negra.
"Der Spuk ist vorbei..." gab Theodorus heiser von sich.
"Du irrst mein Freund." widersprach Mbele traurig, den Blick die hinab gleiten lassend. "Es hat gerade erst begonnen!"

****

Dramatis Personae:

Elsbeth/Ellie: Theodorus von Wickeraths verunglücktze Gattin.

General Sarah Elbert: Offizierin der Schutzschwadron

Leutnant Antonius Mbele: Offizier der 3. Brigade der Bestia Negra. Seine Einheit hat für die Sicherheit der Diamantmine gesorgt.

Mademoiselle Bernadette Rochefort: Ehefrau von Jaques-Pierre Rochefort, einem Diplomaten und Kanzleimitglied

Margarete Anders-Lohenstein: Erzdirektorin des Handelskontors.

Theodorus von Wickerath - Protagonist, ehemaliger Direktor einer Edelsteinmine in Africa. Hat kürzlich seine Frau verloren und in der Folge um seine Versetzung gebeten.

Wilhelm Berenbach: erster Vorsitzender des Handelskontors

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Glossar:

Ariadne: Ein Luftschiff

Bestia Negra: Germanisch-africanische Eliteeinheit.

Groß-Colonia: Metropole im Herzen des germanischen Reiches

Kanzlei: Regierung des germanischen Reiches. Bestehend aus Abgeordneten und geführt vom Kanzler.

Kollerwirt: Traditionsreiche Gasstube in Colonia, geführt von Herrn Koller

Schutzschwadron: Spezialeinheit der Kanzlei, Zuständig für Innere Staatssicherheit.

Westrheinisch-germanischer Handelskontor: International agiernder Handelskonzern, Arbeitgeber von Theodorus.

Veröffentlicht: 09.10.2018

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