Frank van Düren - Willkommen in meiner Welt
***************************************************************************************
Home Gedichte Geschichten Master´s Log Unterstützung
Links Gästebuch Impressum Datenschutzerklärung Nightshade
***************************************************************************************
Vorherige Geschichte

Der alte Bunker

Dort, wo ich aufgewachsen bin, steht nahe des Dorfes, tief im Wald, ein alter Weltkriegsbunker. Er ist nicht besonders groß, zumindest nicht das, was von ihm übrig ist. Die Fläche, die man überirdisch sehen kann, umfasst vielleicht 20 Quadratmeter, wobei ein Teil des ursprünglichen Gebäudes zerstört scheint und ein anderer Teil sich offenbar unter der Erde befindet. Es gibt einen sichtbaren Eingang an der Seite, aber dieser ist verschüttet. Man kann den Bunker also nicht betreten.

Zumindest war dies meistens so. Als ich ein Kind war, haben wir oft am alten Bunker gespielt. Mit "wir" meine ich meine Freunde und mich - Nachbarskinder und andere Kids aus dem Dorf. Das alte Gestein hat unsere Fantasie angeregt; in unserer kindlichen Naivität spielten wir hier gerne "Krieg".
"Peng, Du bist tot!" war mit Sicherheit einer der häufigsten Sätze, die mir in meiner Kindheit über die Lippen kamen. Ob es nun das Kriegsspiel war, oder "Räuber und Gendarme", oder "Cowboy und Indianer", oder "Rebell gegen Stormtrooper" - stets schossen wir mit Begeisterung aufeinander. Im Wissen, dass der "Getötete" jederzeit wieder aufstehen konnte, wenn die Spielregeln es zuließen, das Spiel vorbei war, oder derjenige schlicht und einfach keine Lust mehr hatte, "tot" am Boden zu liegen. Gewalt als Spiel. Wie naiv wir doch waren!
Aber wer konnte es uns verdenken? Meine Kindheit fand vor allem in den 80ern statt, unter der für uns ungreifbaren Bedrohung des kalten Kriegs. Nahe des alten Bunkers befand sich ein Munitionslager der Amerikaner. Einige Kilometer weiter hatte die Britische Royal Air Force eine Basis, von der aus sie regelmäßig ihre Kampfjets patrouillieren ließ. Inklusive Tiefflügen, bei denen die Piloten gerne mal unerlaubt zur Überschallgeschwindigkeit übergingen. Der ohrenbetäubende Knall, den das ausgelöst hat, hallt noch heute in meinen Ohren.
Ich erinnere mich an einen Morgen, als wir in der Grundschule saßen und auf einmal eine schier endlos scheinende Militärkolonne durchs Dorf fuhr. Wir Kinder klebten an der Scheibe und beobachteten staunend die Maschinerie - Panzer, Raketenwerfer, Jeeps mit und ohne Geschütz. Wir fanden das toll!
Ich wuchs mit der Angst vor einem Atomkrieg auf. Nachdem ich als kleiner Junge den Zeichentrickfilm "Wenn der Wind weht" gesehen hatte, war mir früh bewusst, dass die Menschheit in der Lage ist, sich selbst zu vernichten, ebenso wie die gesamte Welt. Als dann die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl buchstäblich über unsere Köpfe hinweg wehte, wurde diese Angst noch konkreter. Solche Dinge haben mich bis heute geprägt, und das Thema "Krieg" weit weniger attraktiv gemacht, als es im kindlichen Spiel wirkte. Die Erzählungen meiner Großmutter taten ihr übriges. Ich lernte zu differenzieren und wurde tief im Herzen zum Pazifisten. Dennoch spielte ich auch später noch "Kriegsspiele", seien es Computergames, oder auch Tabletopspiele. Dabei ging es nie um die Gewalt an sich, sondern allenfalls um strategisches Denken. Ich wurde zu einem erwachsenen Menschen, der jegliche Gewalt verabscheut, es sei denn sie dient zur Verteidigung des Selbst oder anderer Menschen. Der alte Bunker geriet nahezu in Vergessenheit. Und mit der Erinnerung an ihn, verblasste auch jene an einen ganz besonderen Tag...

Es war ein sonniger Frühlingsmorgen, als ich mich alleine auf den Weg zum alten Bunker machte. Von meinen Freunden hatte keiner Zeit für mich, und ich wollte einfach raus. Auf Gräsern und Blättern schimmerte noch der Tau, eine leichte Brise umschmeichelte meine Nase und ich fühlte mich seltsam frei.
Als ich losging, hatte ich eigentlich gar kein Ziel. Ich machte mich einfach auf den Weg. Erst, als ich das Dorf schon halb umrundet hatte und mich auf den Weg tief in den Forst machte, dämmerte mir, dass ich zum alten Bunker lief. Es war weniger ein gezielter Marsch - vielmehr machte ich einfach einen Schritt nach dem anderen, als sei es ein vorbestimmter Weg.
Je tiefer ich in den Wald vordrang, um so unwirklicher fühlte sich mein Ausflug an. Ich glaubte Geräusche zu hören, die ich nie zuvor im Wald vernommen hatte. Waren das Stimmen, da tief im Gebüsch? Es schien, als würde ich beobachtet, doch das scherte mich nicht. Ich folgte einfach dem Weg, vorbei an majestätisch anmutenden Bäumen.
Ich liebe Bäume! Nicht auf eine esoterische Baumkuschler-Art, sondern als das was sie sind: Vielfältige Symbole des Lebens, anmutig, zumeist voller Kraft und auf eine magische Weise absolut natürlich. Es gab Bäume auf Erden, lange bevor der Mensch auf ihnen kletterte oder unter ihnen hindurch schritt, und ich bin mir sicher, sie werden auch dann noch existieren, wenn wir uns entweder selbst vernichtet haben, oder aber in die unendlichen Weiten des Universums ausgewandert sind. Vorausgesetzt natürlich, wir rauben unserem Heimatplaneten nicht sämtliche Lebensenergie.
Zurück in den Wald.
Ich erreichte die Lichtung, auf der sich der Bunker befand. Alles schien wie immer - ich erklomm den Betonklotz, der aus der Erde ragte, und dessen vorderer Teil weggesprengt worden sein mochte. Bis heute weiß ich nicht, was genau dort einst geschehen sein mag, trotz der Begegnung, die mir bevorstand. Diese Frage stand aber auch nicht im Vordergrund.
An der oberen Sprengkante angekommen, ließ ich mich nieder und meine Beine baumeln. Es geht hier nicht all zu tief runter - der Großteil des Bunkers liegt eben unter der Erde - aber man hat schon ein etwas erhabenes Gefühl, wenn man auf diesem Hügel mit Betonspitze sitzt. So saß ich dort, schaute in den Wald und ließ meine Gedanken schweifen. War dies ein Ort des Schreckens? Er musste es einst gewesen sein, im großen Krieg, von dem die Großeltern zu berichten wussten. War hier damals jemand gestorben? Es schien sehr wahrscheinlich, immerhin sah es aus, als ob der Bunker teilweise gesprengt worden wäre. Wenngleich es an Betontrümmern abseits des Hauptblocks fehlte... Aber die Trümmer hatte man sicher einfach beseitigt.
Ich mochte jung sein, aber meine Vorstellung vom Krieg war beängstigend. Die Erzählungen meiner Großmutter hallen bis heute in mir nach - wie sie als Kinder in ständiger Angst lebten. Wie sie, wenn die Sirenen erklangen, in den Luftschutzbunker rennen mussten. Nicht wissend, ob sie diesen lebend erreichten oder ihm tatsächlich auch lebendig wieder entsteigen würden. Die Leichen, derer, die es nicht geschafft hatten. Erschossene Menschen. Bomben, die vom Himmel fielen und in unmittelbarer Nähe detonierten. Menschen, denen Gliedmaßen abgerissen, oder die von Splittern und Scherben zerfetzt wurden. Wie können Menschen sich so etwas gegenseitig antun?

Ich zuckte zusammen. War da ein Geräusch gewesen? Ja, eindeutig! Da war ein Schaben... Unter mir. Es kam aus dem alten Bunker! Aber wie konnte das sein - dieser war doch verschlossen, sein Eingang verschüttet!
Ich sprang auf, so schnell, dass ich beinahe das Gleichgewicht verloren hätte. Das wäre ein schmerzhafter Sturz geworden!
Aufgeregt rannte ich den Hügel hinab, umrundete ihn und... Da war der Eingang! Dort, wo sonst dichtes Erdreich den Zugang versperrte, und man nur erahnen konnte, dass hier einst ein Zugang gewesen wäre, befand sich nun ein kurzer Pfad hinunter zur Öffnung, die eindeutig ins Innere des Bunkers führte. Ich schaute mich um, wähnte, dass sich jemand einen Scherz mit mir erlaubte, doch da war niemand. Und wer sollte das auch geplant haben? Es konnte ja niemand wissen, dass ich herkommen würde.
Es gab sicher einen ganz rationalen Grund dafür, dass der Eingang zum Bunker nun frei lag. Natürlich! Die Erwachsenen hatten sicher beschlossen, hier nach dem Rechten zu sehen und die Tür frei geschaufelt. Vielleicht waren Forscher oder Archäologen zugange, welche hier nach Relikten aus dem zweiten Weltkrieg suchten. Das erklärte auch das Geräusch, welches ich vernommen hatte. Jemand entnahm Proben vom Beton. Oder etwas in der Art. Um ehrlich zu sein, wusste ich damals nicht all zu viel über die Arbeit eines Archäologen, außer dass er alte Dinge ausbuddelte. Und das war hier ja offensichtlich geschehen.
Vorsichtig stieg ich die Grube hinab, die nun zum freigelegten Eingang führte. Ich wagte es kaum, zu atmen. Leise, Schritt für Schritt, schlich ich voran, stets darauf bedacht, keine Steine oder Erdklumpen loszutreten. Ich stützte mich am Beton ab, um mehr Halt beim Abstieg zu haben und erreichte schließlich die schwarze Öffnung, die ins Innere der Ruine führte.

Vorsichtig lugte ich um die Ecke, um einen Blick in den Bunker zu erhaschen. Ich sah... nichts. Das Licht war hier auf der Lichtung sowieso schon recht spärlich, und nur ausgesprochen wenig davon drang hier hinunter bis zum Zugang.
Vielleicht ein, zwei Meter fiel der Schein hinein, dahinter war es stockdunkel. Das sprach gegen die Theorie, dass jemand im Inneren arbeitete - derjenige hätte sicher für Beleuchtung gesorgt. Doch wenn kein Mensch im Bunker zugange war, woher war dann das Geräusch gekommen? Womöglich ein wildes Tier? Ich zuckte zurück! Doch im gleichen Moment schalt ich mich in Gedanken einen Narren. Welche gefährlichen Tiere mochte es hier geben? In Deutschland waren Bären oder Wölfe schon seit Ewigkeiten ausgerottet. Aber vielleicht war es ein Wildschwein? Oder ein Fuchs, gar mit Tollwut? Es konnte auch ein Obdachloser sein, der sich hier seine sichere Zuflucht geschaffen hatte. Wobei ich an diese Theorie kaum glauben wollte. Bei uns auf dem Dorf gab es keine Obdachlosen. Selbst in der Kleinstadt, zu der unsere Gemeinde gehörte, sah man nur äußerst selten welche. Wieso sollte sich einer von denen hierhin verirren?
Aber irgendwer, oder irgendwas, befand sich hinter den Betonmauern, dessen war ich mir sicher. Und für alle Fälle wollte ich gewappnet sein. Leise erklomm ich den ausgegrabenen Pfad, der vom Bunkereingang wieder auf den Hügel führte und schlich mich zum Wald. Nach einer kurzen Suche wurde ich fündig - ein faustdicker Ast, gut einen Meter lang. Ich umfasste ihn mit beiden Händen und schwang ihn hin und her - passte perfekt, um einem potentiellen Angreifer damit eins über die Rübe zu ziehen.Bewaffnet und vom Adrenalin zitternd schlich ich wieder zur Tür hinab. Einen Moment lehnte ich mich ans Gemäuer, packte meine Keule fest und atmete tief ein. Dann sprang ich um die Ecke, durch die Tür... Ins Licht!
War das Innenleben des Bunkers wenige Minuten zuvor noch in vollkommene Dunkelheit gehüllt gewesen, so schien es nun... Nein, nicht beleuchtet. Es gab keine einzige Lichtquelle. Die Umgebung war einfach sichtbar! Ich schnappte nach Luft... Wie konnte das sein?
"Fürchte Dich nicht!" erklang plötzlich eine Stimme, was mich nur noch mehr zusammenschrecken ließ. Ich riss den Ast hoch, bereit, mich zur Wehr zu setzen, und suchte die Umgebung nach der Quelle der Stimme ab. Doch ich sah nichts, als den völlig verstaubten Boden des Bunkers. Ein alter Handschuh lag dort. An der Wand befand sich eine Nische, in der eine ziemlich lädierte Marienstatue befestigt war. War es möglich....? Nein, die Stimme hatte männlich geklungen.
Zudem wich der Schreck schnell einer Art Enttäuschung. Im Inneren des Bunkers befand sich sonst nichts weiter. Es war einfach ein leerer, hohler Raum. Vorsichtig ging ich ein paar Schritte weiter in die große Kammer, doch gab es hier offenkundig rein gar nichts zu entdecken.
"Ziemlich trostlos, nicht wahr?" erklang es hinter mir. Ich wirbelte herum, wobei meine improvisierte Keule eine hochgewachsene Gestalt traf, die nur einen Schritt hinter meinem Rücken stand. Vielmehr glitt der Ast durch den Fremden hindurch!
Panisch stolperte ich zurück, plumpste auf den Hosenboden und ließ dabei meine Waffe fallen. Vor mir stand ein Mann, zumindest von der Statur her, in einer Militäruniform. Er hatte einen alten Wehrmachtshelm auf dem Kopf und wirkte ansonsten schlicht... alt. Nicht in dem Sinne, dass er graue Haare hätte, oder viele Falten. Tatsächlich mochte er eigentlich Anfang zwanzig sein, doch war er es nicht. Seine traurigen, kalten Augen, sein Gesichtsausdruck, seine Haltung... Alles an ihm strahlte aus, dass er bereits viele Jahrzehnte an diesem Ort verbracht haben mochte.
"W... wer bist Du?" stammelte ich.
Erst jetzt fiel mir auf, dass er ähnlich unwirklich erschien, wie das falsche Licht, das den Bunker ausleuchtete. In seinen Bewegungen spiegelte sich eine Art Verzögerung, sie hinterließen Schemen. Und durch ihn hindurch glaubte ich Teile des Bunkergemäuers zu erkennen.
"Bist Du ein Geist?!" stieß ich hervor.
"So etwas in der Art." erwiderte er, ohne seine Lippen zu bewegen. Seine Stimme war einfach da. Nicht in meinem Kopf, sie kam nicht aus seinem geschlossenen Mund. Sie war einfach. "Was willst Du von mir?" fragte ich. In mir vermischten sich Unsicherheit und Neugier. Angst hatte ich seltsamerweise keine.
"Ich? Ich will gar nichts mehr", erwiderte der Geistersoldat. "Die Zeiten, zu denen ich Wünsche hatte, sind lange vorbei. Die Frage ist, was Du willst."
Irritiert schaute ich ihn an. War das hier eine dieser "Du hast drei Wünsche frei"-Geschichten? Wohl kaum, der Kerl sah eindeutig nicht nach einer Fee aus.
"Wie meinst Du das?" wollte ich von ihm wissen.
"Etwas hat Dich hierhin gezogen, nicht wahr?"
Zögernd nickte ich.
"Es gibt Menschen, die existieren, und es gibt solche die suchen", führte er aus. "Der einfache Soldat sucht selten, wobei es auch unter uns einige gab, die Fragen gestellt haben. Die einen Sinn in ihrem Tod suchten." "Warst... Bist Du so einer?" fragte ich ihn.
"Ich weiß nicht, was ich war. Aber ich weiß, was gewesen ist."
Langsam wurde die Situation seltsam. Ich hockte hier im Staub, in einem alten Bunker, und redete mit einem geisterhaften Soldaten, der selbst in Rätseln sprach. Aber es schien auch vertraut, es fühlte sich richtig an. Der Geist bedrohte mich nicht. Im Gegenteil, ich fühlte mich so sicher, wie nie zuvor in meinem Leben.
"Was ist denn gewesen?" Ich rückte ein Stück zurück, sodass ich mich mit dem Rücken an die Bunkerwand lehnen konnte.
Der Soldat ließ sich ebenfalls nieder. Etwa zwei Meter von mir entfernt glitt er lautlos in den Schneidersitz. Mit seinen alten Augen schaute er mich an.
"Gewalt" sagte er knapp.
"Gewalt? Welche Art von Gewalt?"
"Aller Art" seufzte er, um dann doch ausführlicher zu werden: "Die Menschheit hat in ihrer Geschichte stets Gewalt angewandt. In der Urzeit war das überlebenswichtig. Man jagte, um sich und seine Familie zu ernähren. Und man kämpfte gegen andere Menschen, um sein Jagdrevier zu verteidigen."
"Ist es im Grunde nicht bis heute so?" gab ich zu bedenken.
"Du hast es erfasst, deswegen bist Du gerade hier."
"Um mir Gedanken über die anhaltende Gewalt in der Menschheit zu machen?"
"Was weißt Du über die Hexenverbrennungen?"
Ich überlegte. Ich war noch jung und hatte mich mit diesem Thema nie wirklich befasst.
"Irgendwas mit Inquisitoren?" überlegte ich laut.
"Ja, so etwas. Menschen haben, unter dem Vorwand von Religion, andere Menschen kaltblütig umgebracht."
"Da ging es dann wohl kaum um Hunger oder Revierkämpfe, oder?"
"Wie man es nimmt. Es ging um Macht."
Damit hatte er einen Punkt. Ich war jung, hatte wohl kaum den Überblick über weltpolitisches Geschehen, aber dass Geld und Macht die Welt regieren, war mir schon damals bewusst.
"Dann waren die Hexenverfolgungen sicher nicht das einzige, womit die Kirche Macht ausgeübt hat, oder?" wollte ich wissen.
Er lächelte das Lächeln eines toten Soldaten.
"Religion war immer eine Triebfeder für die Gewalt", führte er aus. "Nimm zum Beispiel die Kreuzzüge. Christen gegen Muslime. Alles im Namen des Glaubens... Dabei glauben sie alle im Grunde an den gleichen Gott."
"Gibt es Gott?" schoss es aus mir hervor.
Er schwieg.
"Es war einen Versuch wert", schmunzelte ich. "Aber Religion und Glaube sind doch sowieso nicht das gleiche."
"Und Religion ist auch nicht das einzige, woran Menschen glauben", ergänzte er.
"Wie meinst Du das?"
"Nimm zum Beispiel die Nationalsozialisten", erklärte er seinen Ansatz. "Das war keine Religion, aber es hatte religiöse Züge. Und es führte zur schlimmsten Gewaltära, welche die Menschheit bisher erlebt hat."
Ich verkniff mir einen Kommentar dazu, dass er das ja am Besten wissen müsse. Stattdessen fragte ich ihn:
"Geht es bei allem um Gewalt?"
"Und Macht. Vergiss das nicht."
"Stimmt. Ich denke da gerade auch an Sklaverei."
Das schien ihn zu überraschen.
"Wie kommst Du jetzt auf das Thema?" fragte er nach einer kurzen Pause.
"Nun, wir sprachen von Macht und Gewalt", erwiderte ich. "Da musste ich an die Afrikaner denken, die zu tausenden auf den amerikanischen Kontinent verschleppt wurden, um dort unter Peitsche und schlimmerer Gewalt für die Großgrundbesitzer zu arbeiten."
"Die damit ihre Macht ausgebaut haben, wirtschaftlich wie politisch." erweiterte er den Gedankengang. "Und diese Methode gab es in der gesamten Geschichte. Bei den Ägyptern, die so ihre Pyramiden bauten. Im Mittelalter, wo Menschen als Leibeigene dienten, um dem Adel seinen Wohlstand und Einfluss zu sichern."
Ich dachte eine Weile über das Gesagte nach, während der Soldat mich nur anschaute.
"Warum bin ich hier?" fragte ich ihn schließlich.
"Also deine Eltern haben..."
"Nein, nein, nein!" Ich schüttelte energisch den Kopf. "Das ist hier nicht das Thema. Ich meine: Warum hast Du mich hierher gelockt?"
"Ich habe Dich nicht gelockt", widersprach er. "Fühl in Dich hinein!"
Das tat ich. Ich legte meinen Kopf gegen das kalte Gemäuer und schloss die Augen.
Was hatte mich hier hin geführt? In den letzten Tagen hatte ich oft über das Leben nachgedacht. Darüber, was den Menschen zum Menschen macht. Im Grunde ist er doch ein tolles Geschöpf, das großartiges erschaffen und entdeckt hat. Technische Errungenschaften, Kunstwerke, die Literatur, die ich so liebe... Und dabei ist er doch so grausam! Die meisten Geschichten drehen sich um Gewalt, sei es nun körperlicher, oder psychischer Natur. Brutalität, Morde, Kriege, Unterdrückung, Ausbeutung... Sie prägen die Menschheitsgeschichte und waren eine der großen Triebfedern, welche den Homo Sapiens stets zu neuen Höchstleistungen angetrieben haben.
"Und sie sind es bis heute", hörte ich die Stimme des Soldaten. Ich öffnete die Augen. Er war fort. Um mich herum war es dunkel. Licht fiel nur durch den Ausgang des Bunkers.
"Ich danke Dir", sagte ich in die Stille hinein. Ob er mich noch hören konnte, wusste ich nicht.
Ich verließ den alten Bunker. Eine letzte Frage hätte ich ihm gerne noch gestellt. In Ermangelung seiner Anwesenheit jedoch bleib mir nichts übrig, als sie an mich selbst zu richten:
"Muss es denn so bleiben?"

Veröffentlicht: 23.05.2020

Zurück Zur Geschichten-Übersicht