Frank van Düren - Willkommen in meiner Welt
***************************************************************************************
Home Gedichte Geschichten Unterstützung Links
Gästebuch Impressum Datenschutzerklärung Nightshade
***************************************************************************************
Vorherige Geschichte

Das Fest der Medana

Nächste Geschichte
Je näher er dem Berental kam, desto größer wurde Luzitus Vorfreude. Seit Wochen hatte er auf dieses Ereignis hin gefiebert!
Das Fest der Medana war die größte Zusammenkunft von Spielleuten, Gauklern und anderen Künstlern in ganz Theradar und wurde jährlich zu Ehren der Göttin der Freude abgehalten. Auf der großen Hauptbühne auftreten zu dürfen war eine riesige Ehre, und nach drei Jahren auf den Nebenbühnen hatte man seine Formation namens "Luzitus Triumvirat" in diesem Jahr genau dazu eingeladen!
Wenn alles nach Plan verlaufen war, sollten die anderen beiden Mitglieder seiner Truppe bereits auf dem Gelände sein und das Lager aufgeschlagen haben. Aramandis und Celestria waren mit dem Gespann des Triumvirats vorgefahren und hatten Zelt, Instrumente und Verpflegung mitgenommen. Luzitus hatte noch einen Abstecher zum Instrumentenbauer Severin Mandelbaum in Liversdorf gemacht. Severin war der Beste seiner Zunft, und Luzitus wollte seine Sackpfeife für das Festival in bestem Zustand wissen. Deswegen hatte er Helena unlängst in Mandelbaums Werkstatt zur Revision abgegeben. Dass er seinem Instrument einen Namen gegeben hatte, sorgte nicht selten für Verwirrung. Nur die wenigsten wussten, dass es sich um ein magische Instrument handelte.
Er hatte Helena vor wenigen Jahren von seinem Vater geerbt, nachdem dieser an einem Herzleiden verstorben war. In den Händen eines begabten Spielmanns war die Zauberpfeife in der Lage, die Zuhörer in Ekstase zu versetzen. Luzitus hatte das Talent seines Vaters geerbt und spielte seitdem zu jeder Gelegenheit auf, meist gemeinsam mit seinen beiden Freunden vom Triumvirat. Für Aramandis hatte Luzitus bei Mandelbaum noch ein paar frische Felle für dessen Trommeln besorgt. Der Trommler schlug so wild, dass er einen hohen Verschleiß selbiger hatte.

Während Luzitus den sich windenden Pfad zum Berental entlang schritt, spielte er eine vergnügte Weise auf Helena. Er war natürlich nicht der einzige auf dem Weg, viele Menschen und andere Wesen strömten zum Fest der Medana. Alle waren ausgelassen und freuten sich auf die tollen Tage, die vor ihnen lagen. Mancher tanzte zu seiner Melodie, und ihm wurde das eine oder andere alkoholisches Getränk angeboten. Hier und da nahm er einen Schluck, aber er hielt sich zurück. Er wollte nicht bereits benebelt am Festival ankommen. Und erst recht fürchtete er den Kater am nächsten Morgen, den er um alles in der Welt vermeiden wollte. Schließlich sollte morgen früh der große Auftritt stattfinden!

Dann schließlich kam er um die letzte Biegung, die den Blick auf das Tal frei gab. Umrahmt von den malerischen Erhebungen des Drachengebirges waren große Flächen der weiten Ebene bedeckt von Zelten, Bühnen und den Lebewesen, die sich dazwischen tummelten. Bunte Planen und Bänder in allen Farben zeugten von der unbändigen Freude, die Medana über die Welt brachte. Flaggen und Banner markierten die Lager der einzelnen Gruppen, die hier campierten. Natürlich machten Musikanten, Gaukler und Künstler nur einen kleinen Teil der Menge aus. Fahrende Händler priesen allenthalben ihre Ware an, und Unmengen an Besuchern freuten sich auf und über die dargebotenen Vorführungen. Tatsächlich war das Festival schon in vollem Gange. Nicht nur auf den Bühnen spielte bereits Musik, überall auf dem Gelände absolvierten Gaukler und Akrobaten zum Teil spektakuläre Auftritte.
Luzitus blieb einen Moment stehen um die atemberaubende Aussicht auf das Geschehen wirken zu lassen. Dann trabte er beschwingt los und erreichte in kürzester Zeit die ersten Ausläufer des Geländes. Gerüche und Klänge prasselten auf ihn ein. Es duftete allenthalben nach leckeren Speisen, wie gebratenem Fleisch, Zimt und gebackenem Fladenbrot. Manche Besucher und Händler brannten aber auch allerlei Räucherwerk ab - Thymian und Lavendel stiegen Luzitus ebenso in die Nase ,wie der beißende Qualm eines Lagerfeuers, das mit zu feuchtem Holz entfacht worden war. Er liebte diesen Geruch ebenso wie all die anderen Düfte, die seine Nase umschmeichelten, denn all dies weckte in ihm das Gefühl von Freiheit! Dasselbe galt natürlich auch für die Geräuschkulisse. Überall lachten und sangen die Leute. Luzitus passierte eine Gruppe von vier Musikanten, die auf einer kleinen Bühne aufspielten. Sie hatten echtes Talent und verbanden Harfenklänge mit Glockenspiel, Flöte und Gesang. Dass letzterer von einem Ork kam, irritierte hier niemanden.Beim Fest der Medana gab es keine Rassenunterschiede, jeder war willkommen und alle feierten gemeinsam. Seine drei menschlichen Begleiterinnen sorgten für zauberhafte Melodien und einen Klangteppich, auf dem der Ork seine überraschend warme Stimme schweben lassen konnte.
Luzitus verweilte eine Weile bei diesen begabten Kollegen, um dann weiter zu streifen. Er musste den Lagerplatz seiner eigenen Gruppe finden. Sie hatten vereinbart, dass sie im gleichen Bereich wie schon im vergangenen Jahr lagern wollten, da sich die Stelle als ideal erwiesen hatte. Sie war in guter Reichweite zur Hauptbühne, zugleich in perfektem Anstand zu den Latrinen, sodass diese im Bedarfsfall schnell zu erreichen waren, deren Geruch aber nicht zu den eigenen Zelten vordrang. Um hier ihre Zelte aufzuschlagen, waren Celestria und Aramandis zeitiger angereist, aber natürlich konnte man auf solch einem großen Gelände und mit diesem immensen Besucheraufkommen nie sicher sein, dass der gewünschte Platz bei Ankunft noch frei war.
Immer wieder begegnete Luzitus alten Bekannten, mit denen er zuweilen einen kurzen Plausch hielt und die ihm oft bestätigen konnten, dass sie die anderen beiden Mitglieder des Triumvirates bereits gesehen hatten.
Das Festivalgelände wurde in den Wochen vor dem eigentlichen Fest von zahllosen Freiwilligen vorbereitet. Die Bühnen blieben zwar das ganze Jahr über stehen, mussten aber natürlich gewartet und aufwändig gereinigt werden, bevor man sie wieder benutzen konnte. Damit nicht alles im Chaos endete, und auch die Wagengespanne der Arbeiter, Helfer und Lieferanten überall dort hin gelangten, wo sie gebraucht wurden, hatte man Wege abgesteckt und feste Lagerflächen eingerichtet. So wild die Feiernden wirkten und sich gebärdeten, so hielten sie sich in den meisten Fällen an die wenigen Grundregeln, die notwendig waren, um das Treiben für alle angenehm zu halten.
An einer großen Wegkreuzung hatte Valilia Mirende von Bitterstein ihre kleine Bühne aufgebaut und begeisterte ihr Publikum. Die Puppenspielerin war eine alte Freundin von Luzitus, mit der er auch schon so manche Nacht verbracht hatte. Was außer ihm nur die wenigsten wussten: Valilia besaß magische Kräfte. Diese konnte sie jedoch nicht offen zeigen, denn der Einsatz von Magie war im gesamten Königreich Theradar verboten. Verbergen ließ sich die aktive Zauberei nur schwer, denn wenn ein humanoides Wesen Magie anwendete, leuchteten dessen Augen in einem tiefem Rot.
Valilia Mirende von Bitterstein hatte sich an die Umstände angepasst und verwendete ihre Kräfte vor allem, um ihre Kunst vorzuführen. Hierzu hatte sie sich eine große, verzierte Holzkiste bauen lassen, die sie von hinten betreten konnte. Vorne gab es ein großes Fenster mit einem Vorhang, der zu Vorstellungsbeginn zur Seite gezogen wurde und den Blick auf ein unglaublich fesselndes Puppenspiel freigab. Natürlich steuerte sie das gesamte Spiel mit ihren magischen Kräften, aber kaum jemand schöpfte Verdacht. Die Zuschauer erklärten sich die Vorführung mit dem Einsatz von Fäden, Stöcken und durch Kerzen erzeugtes Lichtspiel, wenngleich sich sowieso kaum jemand noch groß Gedanken machte, nachdem er von Valilias Puppentheater im wahrsten Sinne des Wortes verzaubert worden war.
Da seine Freundin gerade im Begriff war, die nächste Vorstellung zu beginnen, hielt Luzitus nur kurz an, um ein wenig mit ihr zu schäkern, und sie mit einem Augenzwinkern dazu einzuladen, später auf einen Umtrunk an seinem Lagerplatz vorbeizuschauen.
"Wie könnte ich Dir altem Charmeur widerstehen?" lachte sie ihn an, bevor sie in ihrer Puppenkiste verschwand.

Gut gelaunt erreichte der Spielmann schließlich den Bereich, in dem seine Kameraden zu finden sein sollten. Und tatsächlich entdeckte er schon nach kurzer Suche die Blau-gelbe Flagge mit den drei ineinander greifenden Dreiecken, die er selbst als Erkennungszeichen für "Luzitus Triumvirat" entworfen hatte. Sowohl das große Gemeinschaftszelt, als auch die drei kleineren Schlafzelte, standen bereits so akkurat, wie er es von Aramandis gewohnt war. Die vier Aufbauten waren um eine freie Fläche errichtet, auf der Feuerholz bereit lag, um bei Anbruch der Dunkelheit entzündet zu werden.
Bei ihrem ersten gemeinsamen Besuch des Festes vor vier Jahren hatten die Gefährten noch zusammen im Gemeinschaftszelt genächtigt, oder es zumindest versucht. Tatsächlich waren sie schnell zu der Erkenntnis gelangt, dass es eher ungünstig ist, sich ein gemeinsames Dach zu teilen, wenn jeder von ihnen sich ein oder mehrere Gespielen oder Gespielinnen für die Nacht suchte. Das Zelt war damals ziemlich voll geworden, und auch wenn das für eine einzelne Orgie durchaus spannend gewesen sein mochte, blieb die Erkenntnis, dass Schlaf bei solch ausuferndem Treiben unmöglich zu finden war. Und selbst Spielleute mussten ab und an mal regenerieren, um ihre Kräfte für die durchaus anstrengenden Auftritte zu sammeln.
Als er näher kam, sah er Celestria neben dem vorbereiteten Lagerfeuer sitzen. Die Albail-Io sah wie immer hinreißend aus. Ihr güldenes, langes Haar hatte sie zu zahlreichen kleinen Zöpfen geflochten, der grazile Körper steckte in einem kurzen, grünen Seidenkleid, das eindeutig mehr zeigte, als es verstecken konnte. Oder sollte.
Celestria war dabei, ihre Flöten zu reinigen und wirkte hochkonzentriert, sodass Luzitus den Versuch unternahm, sich an zu schleichen. Tatsächlich aber verriet ein leichtes Zucken in ihren spitzen Ohren, dass sie ihn längst mit ihrem übermenschlichen Gehör wahrgenommen hatte. Pfeilschnell sprang sie auf, wirbelte um die eigene Achse und sprang ihrem Freund in die Arme.
"Da bist Du ja endlich!" rief sie begeistert. "Aramandis, komm! Luzitus ist da!"
Luzitus wirbelte die Elfe herum und küsste ihr lachend auf die Stirn.
"Ja, da bin ich wohl. Und ich habe Dir etwas mitgebracht!"
"Oh, ein Geschenk? Zeig her!"
Celestria quiekte vergnügt, als der Spielmann sie wieder absetzte. Luzitus legte sein Instrument und seinen Schulterbeutel ab und begann, in letzterem zu wühlen.
"Wo ist es denn? Ich werde es doch wohl nicht verloren haben?" murmelte er vor sich hin, um die immer ungeduldiger werdende Flötenspielerin zu necken. "Ah, da ist sie ja. Glück gehabt!"
Als er die Perlenkette hervor zog, sprang ihm Celestria gleich nochmal um den Hals. Sie liebte solche Schmuckstücke, und auch wenn es sicher nicht die teuerste Perlenkette der Welt war, so hatte die Elfe doch große Freude daran.
"Du bist so ein Schatz!" strahlte sie Luzitus an. "Das ist eine wunderschöne Kette! Ich werde sie morgen zu unserem großen Auftritt tragen!"
"Ich bestehe darauf!" erwiderte Luzitus mit einem breiten Grinsen.
"Und ich bekomme keine Perlen?" klang eine tiefe, sonore Stimme vom Eingang des großen Gemeinschaftszeltes.
Aramandis war eine beeindruckende Erscheinung. Luzitus war nicht gerade klein gewachsen, und doch überragte ihn sein Trommler noch um Haupteslänge. Dessen schulterlanges, schwarzes Haar umrahmte ein markant männliches Gesicht mit warmen, tiefbraunen Augen. Sein muskulöser, gebräunter Körper glänzte in der Sonne. Wie nahezu immer, trug er nur einen Lendenschurz und Riemensandalen. Aramandis kam aus dem tiefsten Süden. aus einem Land noch hinter dem magieverseuchten Asgien. Über seine Heimat und seine Vergangenheit redete er allerdings nie. 'Ich lebe im hier und jetzt' pflegte er stets zu sagen, wenn ihn jemand auf sein früheres Leben ansprach.
"Ich hatte Diamantohrringe für Dich, aber habe sie beim Würfeln verspielt!" flachste Luzitus, während er seinen Freund herzlich umarmte. "Leider konnte ich Dir deswegen nur ein paar alte Felle mitbringen."
"Oh, gut, dass Du daran gedacht hast! Die Basstrommel hat mal wieder einen Riss!"
"Was zu erwarten war." schmunzelte Luzitus. "Was duftest Da eigentlich so köstlich?"
"Oh, Du wirst es nicht glauben! Das sind unsere Nachbarn!" brach es aus Velestria heraus.
"Ihr bratet unsere Nachbarn?" lachte Luzitus.
"Ja... Äh... Nein! Also die braten. Wildbret. Und andere Leckereien! Und sie haben uns eingeladen!"
Die unbändige Freude der Albail über eine Essenseinladung verwirrte Luzitus. Celestria war nicht gerade für eine große Neigung zum Schlemmen bekannt.
"Es ist die Truppe des großen Khrkrak." warf Aramandis ein.
"Ah! Danke für die Aufklärung!"
Khrkrak war ein Drothar, ein riesiges Steinwesen aus dem Osten. Die Drothar lebten irgendwo jenseits des Drachengebirges, und nur selten bekam man sie in den westlichen Reichen zu Gesicht. Das an sich machte sie schon zu einer Attraktion, und Khrak war zudem der begabteste und bekannteste Akrobat, den man auf dem Fest der Medana bestaunen konnte. Wenn man einem drei Meter großen, humanoiden Felsen dabei zuschaute, wie er leichtfüßig mehrfache Salti schlug, war das schon ein spektakuläres Schauspiel. Und um ihn herum scharte er zumeist die Besten der Besten seiner Zunft.
'Das verspricht spannend zu werden.' dachte Luzitus, während er seine Habseligkeiten im Gemeinschaftszelt verstaute.

Wenig später saßen sie im benachbarten Lager am Feuer. Khrkrak war etwa zeitgleich mit Luzitus Triumvirat von einem Rundgang über das Gelände zurückgekehrt, hatte die Spielleute begrüßt und sich dann zur Meditation hingesetzt. Nun überragte er die umstehenden Zelte wie ein stummer Fels.
Außer ihm befanden sich zwei weitere Akrobaten in seinem Lager, nämlich die Geschwister Halfas und Ferresande. Beide waren von drahtiger Gestalt und sahen sich so ähnlich, wie sich zwei Geschwister unterschiedlichen Geschlechtes nur ähnlich sehen konnten. Das ging gar soweit, dass sowohl Halfas, als auch Ferresande, ihre braunen Haare im gleichem kurzen Schnitt trugen. Allerdings konnte man bei der Dame die entsprechenden Rundungen unter dem Kostüm erkennen, und ihre helle Stimme verriet sie ebenfalls, sobald sie sprach.
"Bedient Euch, es ist genug für alle da!"
Das ließen sich Luzitus und seine Freunde nicht zweimal sagen. Die Speisen, welche die beiden Akrobaten zubereitet hatten, waren eines Fürsten würdig und mundeten köstlich.
"Wo habt ihr gelernt, so zu kochen?" fragte Celestria staunend, während ihr ganz und gar nicht elfenhaft der Saft des letzten Happens aus dem Mundwinkel lief. Schnell schleckte sie den kostbaren Tropfen weg.
"Unser Vater ist ein leidenschaftlicher Koch und hat uns früh die Grundlagen beigebracht." verriet Halfas, der einen Topf mit einer atemberaubend aromatisch duftenden Sauce über dem Kochfeuer schwenkte.
Während sie so beieinander saßen und speisten, unterhielten sich die Künstler angeregt über alle möglichen Themen. Luzitus erfuhr unter anderem, dass die beiden Geschwister Khrkrak erst seit einigen Monaten begleiteten, nachdem dieser sich im Streit von seiner bisherigen Gruppe getrennt hatte. Zur neuen Entourage gehörte noch eine Frau namens Sylva, die mit Halfas liiert war und laut Ferresande momentan die Händler und Krämer abklapperte, um sich etwas schönes zu gönnen. Halfas schien darüber nicht gerade begeistert und wurde bei diesem Thema wortkarg.
"Eine Frau sollte nicht alleine zwischen so vielen fremden Männern herumtänzeln." war sein einziger Kommentar dazu, der ihm sogleich einen bösen Blick seiner Schwester einhandelte, die aber auch schnell wieder das Thema wechselte.
"Ihr seid also Spielleute und lebt für die Musik?" fragte sie neugierig.
"Hauptsächlich." erwiderte Celestria. "Unser Luzitus ist zudem auch ein begnadeter Gaukler, der sich besonders in der Jonglierkunst und im Feuerspucken versteht!"
"Das klingt nach einem heißen Mann!" erklang eine weibliche Stimme direkt hinter Luzitus, was diesen unwillkürlich zusammenzucken ließ. Trotz seines geübten Gehörs, hatte er nicht mitbekommen, dass jemand an ihn herangeschlichen war. Als er sich umwand, blieb sein Herz ein zweites Mal innerhalb von Sekunden für einen Moment stehen. Dieses Mal jedoch nicht vor Schreck... Vor ihm stand die schönste Frau, die er je gesehen hatte!
Den athletischen Akrobatenkörper hatte die Dame in ein schlichtes samtrotes Kleid gewandet. Ihre kristallblauen Augen lagen in einem so ebenmäßigen Gesicht, dass man sie für eine Elfe hätte halten können, wären da nicht diese süßen kleinen Ohren gewesen, die unter den wahnsinnig langen blonden Haaren mit den bunten Strähnen hervor lugten. Neben ihrem warmen Blick war es vor allem das herzliche Lachen, der Dame, dem Luzitus sofort verfiel. Dass dieses seinem erschrockenen Gesichtsausdruck geschuldet war, machte ihm überhaupt nichts aus.
"Du musst Sylva sein!" hörte er Celestria sagen.
"Und ihr seid?" fragte die Angesprochene mit einem verschmitzten Lächeln.
"Euer größter Verehrer, Mylady!" brach es aus Luzitus hervor. Dass Halfas in diesem Moment de Gesichtszüge entgleisten, bekam er zum Glück nicht mit. Sehr wohl aber erfreute ihn das erneute, herzliche Lachen der Schönen.
"Womit habe ich denn das verdient? Du kennst mich doch gar nicht." erwiderte sie zwinkernd.
"Das kann man ändern. Setzt Euch doch!" Luzitus zeigte auf den Platz neben sich, doch in diesem Moment schob ihn Halfas ruppig zur Seite und baute sich vor Sylva auf.
"Wo warst Du so lange?" fragte er wütend.
Seine Partnerin wurde schlagartig ernst. Das herzliche Lachen war ihr vergangen.
"Danke für die nette Begrüßung. Schön, dass ich wieder da bin." gab sie kalt zurück, während sie Halfas mit einem finsteren Blick fixierte, der in krassem Gegensatz zu ihrer vorherigen Herzlichkeit stand.
"Ich habe Dich was gefragt!"
"Und ich habe keine Lust, Dir zu antworten!"
"Liebe muss schön sein." raunte Aramandis Luzitus zu. Dieser war ob der Wendungen der letzten Minuten schlicht überfordert und schaute seinen grinsenden Freund nur fragend an.
Sylva stapfte an den Anwesenden vorbei und verschwand in einem Zelt, dicht gefolgt von Halfas, der weiter wütend auf sie einredete.
"Wir gehen wohl besser." stellte Celestria an Ferresande gewandt fest, doch diese schüttelte den Kopf.
"Bleibt ruhig, das legt sich gleich wieder." erwiderte sie nüchtern und holte aus einer mit Wasser gefüllten Tonschüssel eine Karaffe mit Honigwein hervor. "Man gewöhnt sich daran!"
Wie zur Bestätigung ertönte ein leises Krachen, als Khrkrak sich aus seiner Meditationsstarre löste, den Gästen zuwinkte und dann zu einer Runde über das Festivalgelände aufbrach.

Tatsächlich kamen die beiden Streithähne nach einer Weile wieder aus dem Zelt hervor und taten so, als sei nichts gewesen. In der Zwischenzeit hatten sie so leise diskutiert, dass keiner der Gäste ein Wort verstanden hatte. Diese waren aber sowieso durch Ferresandes köstlichen Met ausreichend abgelenkt worden.
Alles schien wieder in Ordnung und auch die intensiven Gespräche wurden erneut aufgenommen. Luzitus interessierte sich natürlich brennend für alles, was Sylva zu berichten hatte und hing förmlich an ihren Lippen. Das brachte ihm weiteren Missmut von Halfas ein, der sich aber größte Mühe gab, sich nichts anmerken zu lassen, um einen erneuten Streit mit Sylva zu vermeiden. Diese wiederum war den drei Triumviratsmitgliedern gegenüber sehr aufgeschlossen und neugierig. Zudem genoss sie Luzitus Aufmerksamkeit sichtlich, wahrte aber genügend Abstand zu ihm, um Halfas keinen Grund für eine weitere Eifersuchtsattacke zu liefern.
"Heute Abend ist ein Soloauftritt von Khrkrak angesetzt. Was haltet ihr davon, wenn wir uns das zusammen anschauen?" fragte Ferresande schließlich in die Runde.
"Das klingt nach einer tollen Idee!" rief Celestria begeistert. Die Elfe hatte offenbar Gefallen an der jungen Akrobatin gefunden, was man nicht zuletzt daran merkte, dass sie diese längst in ihrem Arm liegen hatte.
"Sehr gerne." stimmte auch Sylva zu. "Ich muss mich vorher allerdings noch frisch machen."
"Dann treffen wir uns später hier und ziehen zusammen los." Ferresande löste sich aus Celestrias Armen, die nur unwillig nachgab.
"Wir sehen uns ja gleich wieder!" schmunzelte die Akrobatin. Schließlich konnte sie sich von der hartnäckigen Elfe mit einem zärtlichen Kuss freikaufen.

Der Platz um die Hauptbühne füllte sich im goldenen Licht des frühen Sommerabends. Von überall strömten Menschen, Elfen und andere Wesen herbei, um den ersten Auftritt des großen Khrkrak beim diesjährigen Fest der Medana live mitzuerleben. Auch wenn in zwei Tagen noch eine weitere Vorführung, dann mit seiner gesamten Truppe, angesetzt war, ließ sich kaum ein Besucher die Gelegenheit entgehen, dieser Soloeinlage des legendären Akrobaten beizuwohnen. Wobei Khrkrak an diesem Abend entgegen der ursprünglichen Planung nicht ganz alleine auftreten würde. Er hatte kurzfristig Aramandis eingeladen, seine Show akustisch zu untermalen, was eine wahnsinnige Ehre für den jungen Trommler war. Dass Aramandis sich bewähren und dem Spektakel zusätzliche Spannung verleihen würde, stand für Luzitus indes außer Frage.
Die Hauptbühne war kreisrund und hatte einen Durchmesser von gut fünfundzwanzig Schritten. Sie war mannshoch und im Gegensatz zu den zahlreichen kleinen Bühnen nach allen Seiten offen, sodass Zuschauer von allen Seiten einen guten Blick auf die Vorführungen hatten. Für die spektakulären Einlagen des Drothar waren dies die idealen Voraussetzungen.
Aktuell wurden auf der Bühne noch die letzten Aufbauarbeiten abgeschlossen. In den Stunden zuvor hatten hier die bekanntesten Musikgruppen des ganzen Festivals im Wechsel ihre Zuhörer begeistert. Für Khrkraks Zwecke brauchte es allerdings Stangen, Barren, Kisten und andere Aufbauten, an und auf denen er seine Übungen vollführen konnte.
Luzitus war bester Laune. Er nickte Aramandis zu, der neben der Bühne nochmal seine Trommeln prüfte. Selten hatte er seinen Freund so nervös erlebt, aber wer konnte es ihm verdenken?
Auch Sylva war die Anspannung des Trommlers nicht entgangen. "Wirkt wie ein kleiner Junge, der vor seiner ersten Hel-Prüfung steht."
"Was?" fragte Luzitus perplex. Zu sehr hatte er sich gerade wieder in Sylvas hinreißenden Gesichtszügen verloren.
"Dein Freund." schmunzelte diese. "Der große Mann zittert am ganzen Leib. Hoffentlich nässt er sich nicht ein, wenn er mit Khrkrak die Bühne teilt."
Luzitus lachte laut auf. "Das wäre so herrlich! Ich könnte ihn bis an sein Lebensende damit aufziehen!"
"Für so gehässig hätte ich Dich gar nicht gehalten!" brachte Sylva mit gespielter Empörung hervor.
"Er ist halt wie ein Bruder für mich." erklärte Luzitus mit einem schelmischen Grinsen auf den Lippen.
Er genoss es so sehr, mit Sylva zu flirten. Sie war einfach herzlich, humorvoll und atemberaubend. Dass sie mit diesem Halfas zusammen war, verstand er nicht. Der eifersüchtige Griesgram passte so gar nicht zu dieser lebenslustigen Lady.
In Luzitus Augen war Halfas einer jener Menschen, die sich irgendwann auf einen Stock gesetzt und diesen unten herum eingeführt hatten. Er selbst kannte so etwas wie Eifersucht nicht. Nach seiner Philosophie sollten Menschen sich lieben und paaren, wie es ihnen zufiel. Das Leben war zu kurz, um sich in monogamen Paarbindungen zu verlieren. Luzitus wollte feiern und das Leben genießen, und wie würde das besser gehen, als mit einer solch umwerfenden Frau wie Sylva?
Natürlich hatte er sich sofort in sie verliebt! Doch er war sich bewusst, dass dies ein flüchtiges Gefühl war. Vielleicht hielt es ein paar Tage, Wochen, Monate... Oft war es aber auch schon am nächsten Morgen vorbei. Warum sollte man sich da mit negativen Gefühlen wie Eifersucht belasten?
Wäre ihm Halfas irgendwie sympathisch, dann hätte Luzitus eine Nacht zu dritt angestrebt. Er teilte gerne. Aber mit diesem verstockten Pavian wäre solch eine Konstellation wohl unmöglich.
Zum Glück war Halfas momentan nirgendwo zu sehen. Er hatte angeboten, Getränke für die Gruppe zu besorgen. Eine freundliche Geste, die Luzitus kurzzeitig überrascht hatte, bevor er wieder alle Aufmerksamkeit seiner Angebeteten widmete.
Kurz überlegte er, ob er sie einfach küssen sollte. Direkt neben Sylva standen Ferresande und Celestria eng umschlungen und kamen vor lauter Knutscherei kaum zum Atmen. Die beiden Grazien konnten nicht voneinander lassen und hatten längst alles um sich herum vergessen. Dass Celestria beiden Geschlechtern zugeneigt war, war Luzitus nicht selten zu Gute gekommen. Die kleine Albail war ein Füllhorn der Leidenschaft.
Als Halfas schließlich mit den versprochenen Getränken zu ihnen zurück kehrte, wirkte er anders als zuvor. Er war nicht nur freundlich, mehr noch, er schien einen kompletten Sinneswandel durchlaufen zu haben und behandelte Luzitus nicht mehr wie einen Rivalen, sondern wie einen Freund. 'Um so besser' dachte dieser bei sich. 'Vielleicht wird es ja doch noch was mit der dreisamen Nacht.'

Der Abend nahm eine angenehme, ausgelassene Wendung. Weitere alkoholhaltige Getränke flossen. Als dann Aramandis Trommeln erklangen, ging ein Raunen durch die versammelte Menge. Die Leute bildeten eine Gasse, durch die Khrkrak erhabenen Richtung Bühne schritt und sich elegant auf selbige schwang. Alleine schon seine Präsenz zog das Publikum in seinen Bann Er verbeugte sich tief, dann ging es los.
Nie hatte Luzitus eine solche Anmut gesehen! In den vergangenen Jahren hatte er Khrkraks Performance immer verpasst, da er seine Zeit entweder auf selbst auf einer Bühne oder aber mit Gespielen in einem Zelt verbracht hatte.
Um so fantastischer war das, was er jetzt zu sehen bekam. Khrkrak wirbelte über die Bretter, begann mit Pirouetten, um dann Überschläge zu zeigen. Er sprang aus dem Stand einen Salto rückwärts, nahm dann Anlauf und sprang an eine riesige Querlatte, die sich unter seinem immensen Gewicht durchbog, um an dieser entlang zu wirbeln. Übungen, die für einen Menschen schon nahezu unmöglich schienen, waren bei einem riesigen, humanoiden Felsen schier unglaublich! Angepeitscht von Aramandis Trommelrhythmus lief er zu immer neuen Höchstleistungen auf, die längst ein magisches Gefühl verströmten. Der Drothar schien zu fliegen, zu schweben und zu fallen, tanzte über die Bühne und nahm sich keine Pause. Die Zuschauer stöhnten, hielten den Atem an, schrien auf...
Khrkrak beendete seine atemberaubende Vorführung, indem er Anlauf nahm, vom Bühnenrand absprang und mit einem fünffachen Salto über die erschrockenen Zuschauer flog. Er landete außerhalb des Publikumsrings auf einem eigens dafür abgesperrten Stück Wiese.
Für einen Moment herrschte absolute Stille.Dann brachen die Leute in frenetischen Jubel aus, klatschten und tosten und feierten den Drothar, der sich tief vor ihnen verbeugte. Auch Aramandis bekam Applaus, als Khrkrak ihn vorstellte und bei der Gelegenheit auf den anstehenden Auftritt von Luzitus Triumvirat am nächsten Morgen hier auf der Hauptbühne verwies.
Luzitus rutschte dabei das Herz in die Hose. Ihm war sofort klar, dass Khrkrak damit nicht nur seine Gruppe geadelt, sondern dafür gesorgt hatte, dass ihr Auftritt statt vor einer kleinen handvoll neugieriger Frühaufsteher vor einem echt großen Publikum stattfinden würde.
Begeistert zog er Sylva in seine Arme und küsste sie freudetrunken auf die Stirn.

"Das war der Wahnsinn!" Luzitus zehrte noch immer von der Euphorie, die Khrkraks Auftritt bei ihm verursacht hatte.
"Ja das war es!" Sylva ließ sich von der Begeisterung des Spielmanns anstecken, obwohl sie selbst schon unzählige Male mit Khrkrak geprobt und auch schon manchen gemeinsamen Auftritt mit ihm absolviert hatte.
Luzitus war so ganz anders als ihr Lebensgefährte. Der Gaukler sprühte vor Liebe zum Leben und schien die Welt durch bunte Gläser zu betrachten. Halfas hingegen war im Laufe ihrer Beziehung zusehends verbissener und eifersüchtiger geworden. Das war nicht immer so gewesen.
Sie hatten sich kennengelernt, als Ferresande und Halfas mit ihrem kleinen Zirkus in Sylvas Heimatdorf gastiert hatten. Sie hatte sich sofort in den geheimnisvollen Fremden verliebt! Damals war sie zwölf Jahre alt gewesen und hatte alleine bei ihrem Vater gelebt, einem alkoholsüchtigen Wagenbauer, der sie im Suff oft geschlagen hatte.
Der Zirkus war ihre Chance zum Ausbrechen gewesen. Halfas hatte ihre Liebe erwidert und sie mitgenommen, als der Zirkus weiter zog. Halfas war damals vierzehn Jahre alt, seine Schwester Ferresande fast genau so alt wie Sylva. Die beiden hatten sie unter ihre Fittiche genommen und hart mit ihr trainiert, bis Sylva zu einer ähnlich guten Akrobatin wurde, wie es die beiden Geschwister waren. Sie hatte viel Talent mitgebracht und unbändigen Ehrgeiz bewiesen. Auch war Ferresande schnell zu ihrer besten Freundin geworden. Es war ein tolles Leben gewesen, erstmals hatte sie sich frei gefühlt!
Vor etwas mehr als einem Jahr jedoch hatten die Probleme angefangen. Halfas hatte sich immer häufiger mit dem Direktor gestritten. Sylva hatte nie genau verstanden, was den Ausschlag gab. Es ging wohl um die Bezahlung der Akrobaten, aber auch darum, dass der Direktor immer häufiger anzüglich gegenüber Ferresande und Sylva wurde. Die beiden waren in der Zwischenzeit zu jungen, attraktiven Frauen heran gereift und weckten entsprechend so manche Begehrlichkeit bei den Männern in ihrer Umgebung.
Eines Nachts mussten sie fliehen. Halfas hatte nichts erklärt, sondern hatte sie nur aus dem Schlaf gerissen und mit sich gezerrt. Er war panisch gewesen und hatte Blut an den Händen. Bis heute wusste sie nicht, was in dieser Nacht geschehen war. Sie hatte den Geschwistern schlicht vertraut und war mit ihnen gegangen. Was war ihr auch noch anderes übrig geblieben?

In dieser Nacht vertraute sie sich Luzitus an und erzählte ihm ihre Geschichte. Längst hatte sie sich an ihn gelehnt und er seinen Arm um sie geschlungen. Zu zweit saßen sie am niedriger werdenden Lagerfeuer ihres Zeltplatzes und redeten.
Die anderen hatten sich in alle Winde verstreut. Von Khrkrak wusste sie, dass er sich nach einem solchen Auftritt zu den nächstgelegenen Bergen oder zumindest Hügeln begab, sofern solche in erreichbarer Nähe zu finden waren. Dieser Aramandis war nach seinem Auftritt mit einer Schar weiblicher Verehrerinnen von dannen gezogen. Sylvas Bedenken, dass er so vielleicht den morgendlichen Auftritt verpassen könnte, hatte Luzitus lachend zerstreut. Seiner Aussage nach war Armandis der Inbegriff von Disziplin und würde mit Sicherheit als erster auf der Bühne stehen. Ferresande und ihre elfische Flamme waren gleich nach der Rückkehr in Celestrias Zelt verschwunden und waren seitdem nicht mehr gesehen. Gelegentlich meinte Sylva Geräusche von drüben zu hören. Aber auch wenn Luzitus Leute ihr Lager nebenan aufgeschlagen hatten, lag doch genug Abstand dazwischen, um dem beiden liebenden Ladys etwas Privatsphäre zu gewähren. Nicht, dass denen das irgendwie wichtig gewesen wäre.
Halfas schließlich hatte sich ebenfalls zurückgezogen. Angeblich war er müde und betrunken, aber Sylva wusste es besser. Er spielte jetzt den Rücksichtsvollen, um ihr nachher einen Vortrag über ihren Egoismus zu halten, weil sie noch bei Luzitus am Feuer geblieben war. Längst überlegte sie, ob die Beziehung zu Halfas noch einen Sinn machte. So sehr sie ihn einst geliebt hatte, so sehr verabscheute sie seine verbitterte und aggressive Art, die er ihr gegenüber immer mehr an den Tag legte.
"Woran denkst Du?" fragte Luzitus."
"Nichts!" log sie, während sie sich in den Augen des Spielmanns verlor.
Sie schmiegte sich noch enger an ihn und genoss diesen Moment. Von überall her erklangen Stimmen der Festival-Besucher. In der Ferne klangen trommeln, und sie stellte sich vor, dass es Aramandis war, der seinen Verehrerinnen eine Sondervorstellung gab. Es war der perfekte Moment, mochte er nur unendlich währen. Ebenso wie der innige Kuss, den ihr Luzitus in diesem Moment gab.

Diese Frau war einfach atemberaubend! Luzitus konnte kaum von ihr lassen und dehnte den Kuss so lang, wie es irgend möglich war. Irgendwann musste er aber doch mal Luft holen. Kaum hatte er sich von ihren Lippen gelöst, brachte ihr Lächeln ihn um den Verstand.
"Du... Äh... Ich muss mal..."
Sylva lachte und richtete sich auf. "Na dann los mit Dir!"
Luzitus grinste. Sylva gab ihm das Gefühl, er selbst sein zu können, und das hatte er sehr selten bei Frauen. Oft musste er sich verstellen, um ihnen nahe zu kommen. Und meist war danach auch alles schnell wieder vorbei, wenn er die Maskerade ablegte.
"Ich bin gleich wieder da!"
Die nächsten Latrinen waren weit entfernt, also schlich er zwischen den Zelten entlang, um sich schließlich an einem Busch zu erleichtern, der wohl schon häufiger zu diesen Zwecken gebraucht wurde. Honigwein und Bier waren ihm ein wenig zu Kopfe gestiegen, wenngleich er sich ob des bevorstehenden Auftritts am Morgen zurückgehalten hatte. Zudem wollte er sich in Gegenwart von Sylva nicht daneben benehmen, also war er für seine Verhältnisse wahrlich nur leicht angeheitert.
Es war schon verrückt, wie sehr sie in sein Seelenleben eingedrungen war. Er kannte Sylva jetzt wenige Stunden und sie war ihm so nah, wie noch keine Frau je zuvor. Eigentlich hätten ihm diese Gefühle Angst machen sollen, aber das taten sie nicht. Es fühlte sich einfach natürlich an.
Überraschenderweise ging es ihm gar nicht so sehr darum, sie ins Bett zu bekommen. Tief im Inneren wusste er, dass Sylva sich ihm über kurz oder lang hingeben würde. Vielmehr sehnte er sich danach, dass es nicht bei einem einzigen mal blieb!
Auf dem Rückweg fiel ihm ein, dass er im Vorratszelt noch etwas versteckt hatte: Einen Messing-Armreif, den er bei der gleichen Schmuckkrämerin erstanden hatte, von der auch die Perlenkette für Celestria kam. Er kaufte oft solchen Tand, weil die Weiber so etwas liebten, und er die Frauen liebte. Der Reif war nichts besonderes, aber er würde wunderbar an Sylvas zartes Handgelenk passen. Luzitus konnte sich in diesem Moment keine andere Frau vorstellen, die er beschenken wollte.

Am Zeltreigen des Triumvirats angekommen wunderte sich Luzitus ein wenig über die dort herrschende Stille. Er hatte eigentlich erwartet, Celestria und Ferresande beim Liebesspiel zu hören, denn er kannte seine Freundin als ausgesprochen ausdauernde Liebhaberinnen. Aber es mochte viele Gründe für eine Pause oder gar Verlegung des Treibens geben.
Als er das Gemeinschaftszelt betrat, um das Armband zu suchen, erschrak Luzitus! Celestria lag bäuchlings auf dem Zeltboden, um sie herum Blut!
"Celli!"
Sofort sprang der Spielmann zur Elfe und drehte sie auf den Rücken. Sie atmete! Was ein Glück! An ihrer Stirn hatte Celestria eine große Platzwunde, das Blut war bereits geronnen. Jemand hatte sie niedergeschlagen!
"Celestria? Wach auf! Was ist passiert?" Er nahm seine Freundin hoch und strich ihr über die Stirn. Die Albail flackerte mit den Augen und blickte Luzitus verwirrt an.
"Du... ich... Durst!"
"Sicher!" Luzitus wühlte hektisch durch die im Zelt befindlichen Vorräte, bis er einen Schlauch mit Wasser fand. Diesen reichte er Celerstria, die sich inzwischen aufgesetzt hatte und nun mit dem Rücken an einem Zeltpfahl lehnte.
"Celli, was ist geschehen?" fragte Luzitus mit Nachdruck.
"Ich... ich weiß es nicht." Die Elfe schüttelte den Kopf und fasste sich gleich an die schmerzende Stirn. "Ich glaube...Da waren... Da war jemand. Wir haben Geräusche gehört. Nachgeschaut..."
Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen!
"Luzitus! Sie haben Ferresande! Und Helena!"
Ein eiskalter Schauer lief über des Spielmanns Rücken.

"Wir müssen sie suchen!"
Sylva war die Aufregung sichtlich anzusehen, während sie Celestria die Stirn verband.
"Bin schon unterwegs!" fauchte Luzitus grimmig, während er sich seinen Utensiliengurt umband. An diesem befanden sich neben seinem Lieblingsmundstück für seine Sackpfeife unter anderem seine Dolche. Er hasste es zu kämpfen, aber da die Entführer offenbar vor Gewalt nicht zurückschreckten, wollte er auf alles vorbereitet sein.
"Ich komme mit." stöhnte Celestria und wollte aufstehen, doch Sylva hielt sie davon ab.
"Du gehst nirgendwo hin. Du brauchst Ruhe. Außerdem muss jemand den anderen erzählen, was passiert ist, wenn sie zurückkommen. Ich werde Luzitus begleiten."
Die Proteste der Albail hielten sich in Grenzen, sie war schlicht zu geschwächt für eine Jagd nach Dieben und Entführern. Sie konnte sich ja nicht einmal daran erinnern, wer genau sie niedergeschlagen hatte.
Auch Halfas war verschwunden. Sie hatten ihn aus dem Zelt holen wollen, aber da war er nicht. Er hatte die Schnüre allerdings sorgfältig geschlossen und seine Schuhe angezogen, daher hatte Sylva gemutmaßt, dass er nicht entführt worden war, sondern schlicht - wie Luzitus zuvor - gerade die Latrinen aufsuchte. Dass er nicht Bescheid gegeben hatte, machte sie nur noch wütender auf ihren Partner.
"Wir müssen los, bevor die Spur verblasst!" drängte Luzitus. Seine Ungeduld wuchs. Seine Sackpfeife war sein größter Schatz. Helena war seine einzige Verbindung zu seinem verstorbenen Vater. Zwar konnte er auch auf anderen Pfeifen toll spielen, aber mit diesem besonderen Instrument war er zu magischen Musikmomenten in der Lage.
Und erst Recht machte er sich Sorgen um Ferresande. Er kannte die junge Frau erst seit wenigen Stunden, aber im Gegensatz zu ihrem Bruder hatte sie eine sehr warme Persönlichkeit. Und dass Celestria sich so sehr in sie vernarrt hatte, sprach ebenfalls für die junge Akrobatin.

Ferresande war offenbar ebenfalls verwundet worden, oder sie hatte einen der Entführer verletzt. In jedem Fall führte eine Spur von Blutstropfen vom Vorratszelt des Triumvirates weg, welcher Sylva und Luzitus im Schein der Fackel folgten, die Sylva geistesgegenwärtig am niedrigen Lagerfeuer entzündet hatte. Sie liefen so schnell, wie es nur möglich war, ohne die Spur aus den Augen zu verlieren. Die Entführer hatten sich an die Nebenwege gehalten, die zwischen den Zeltlagerplätzen entlang führten. Dass mehr als eine Person beteiligt sein musste, nahmen sie zumindest stark an. Immerhin waren Celestria und Ferresande zeitgleich überwältigt worden. Zudem wäre es zumindest schwierig, sowohl die Akrobatin, als auch die Sackpfeife, als einzelne Person über den Zeltplatz zu tragen.

Je weiter sie liefen, desto seltener wurden die Bluttropfen. Was ein gutes Zeichen für Ferresande sein mochte, sofern das Blut von ihr stammte, machte es den beiden Verfolgern natürlich immer schwerer, ihre Jagd fortzusetzen. Die Wege zwischen den Zelten verzweigten sich oft, und an einer Wegkreuzung musste sie schließlich eine Weile suchen, bis sie ein letztes Mal die richtige Richtung erahnen konnten. Ärgerlicherweise waren die umliegenden Zelte wie ausgestorben. Entweder schliefen ihre Bewohner bereits, oder aber sie feierten das Fest der Medana an einem der zentraleren Plätze, an dem sich die Nachtschwärmer üblicherweise versammelten.
"Verdammt, so finden wir sie nie!" fluchte Luzitus.
"Gib nicht auf!" Sylva legte ihm ihre Hand auf den Oberarm. Schau mal, da hinten sind Fackeln und Lärm, vielleicht hat dort ja jemand etwas gesehen, was uns weiterhilft!"

Als sie sich dem Fackelschein näherten, sahen sie, dass dort mehrere Leute im Pulk standen, einen Ball warfen und zwischendrin immer wieder ihre Becher und Krüge zum Mund führten. Sylva fand dieses Verhalten sehr befremdlich. Auch Luzitus Erklärung, dass es sich um ein sportliches Trinkspiel namens Fallaball handelte, machte es nicht besser. Ziel des Ganzen war es offenbar, einfach nur so schnell wie möglich so betrunken wie möglich zu werden, und das war nicht die Art von Feier, die der Akrobatin lag.
"Heyda!" rief Luzitus, worauf ein paar der Spieler aufmerkten. Die meisten jedoch beachteten ihn nicht weiter und führten fort, womit sie gerade beschäftigt waren. Also den Ball werfen und trinken. Oder sich übergeben. Eine stämmige Blondine kippte gerade rücklings um und blieb lallend liegen, alle Viere von sich gestreckt.
"Sieh an, Frischfleisch!" grollte die Tiefe Stimme eines hochgewachsenen Orks, der im Gegensatz zu den meisten seiner Mitstreiter noch fast gar nicht schwankte. "Wollt ihr mitspielen?"
"Nein mein Freund, wir suchen jemanden! Vielleicht könnt ihr uns helfen?"
Der Ork streckte seinen Arm aus, um einen ziemlich betrunkenen Zwerg gerade noch abzuwenden, der dem Grünling sonst in diesem Moment auf die Stiefel gereiert hätte. So traf der Kurze mit seinem Erbrochenen einen anderen Zwerg, der dem Übeltäter daraufhin ziemlich erbost seinen Bierhumpen über den Schädel zog. Zum Glück verhinderte der Helm des Würgenden größere Schäden, und schon Augenblicke später lagen beide sich lachend in den Armen und gröhlten Fragmente eines überaus anzüglichen Liedes.
Der Ork wiederum schüttelte mit gefletschten Hauern den Kopf.
"Schade eigentlich. Die Runde hier gibt langsam den Geist auf."
Seine Aussage wurde dadurch unterstrichen, dass die beiden Zwerge gemeinschaftlich über die am Boden liegende Frau stolperten, fielen und ebenfalls einfach liegen blieben.
"Wie kann ich Euch denn helfen?"
"Wir suchen unsere Freundin und mein Instrument." gab Luzitus frei heraus. "Beide wurden entführt."
Er erklärte dem Ork, was passiert war und beschrieb sowohl Ferresande als auch Helena so ausführlich wie möglich. Brotok, so der Name der Grünhaut, schüttelte erneut den Kopf. Diesmal wirkte er aber nicht mehr amüsiert.
"Und so was zum Fest der Medana. Möge die Göttin die Frevler bestrafen, die Friede und Freude des Festes so niederträchtig stören."
Seine gelben Augen funkelten im Licht der Fackeln.
"Ich würde Euch so gerne weiterhelfen, aber leider habe ich nichts gesehen.“
Verzweiflung stieg in Luzitus auf und auch Sylva ließ den Kopf hängen.
"Kobolde..." lallte eine Stimme von irgendwo aus dem Zwergen-Blondinen-Haufen.
"Was?" stieß Luzitus hervor.
"Kobolde! Mit Frau! Pfeife!" der Zwerg hatte gerade versucht, sich aufzurichten, plumpste aber wieder zurück auf seinen Allerwertesten.
"Wo?" blaffte Luzitus, der längst zu dem Kurzen gesprungen war und diesen durchschüttelte. "Wo sind sie hin?"
"Da..." zeigte der Zwerg den Weg entlang, bevor er sich wieder vollends in seinen Rausch fallen ließ.
Brotok schnaufte, während er Luzitus und Sylva hinterher schaute, die in der Ferne bereits immer kleiner wurden. Von den meisten Menschen hielt er nicht viel, aber diese beiden hatten Herz. Er drückte die Hauer, dass sie fanden, was sie suchten.

Weitere Feiernde, die sie passierten, bestätigten Sylva und Luzitus, dass sie auf der richtigen Fährte waren. Zwei Kobolde, die jeweils eine Sackpfeife und eine Frau geschultert hatten, blieben nicht vollkommen unbemerkt. Sylva regte sich fürchterlich darüber auf, dass niemand die Entführer aufgehalten hatte. Allerdings hatte Luzitus mit seinem Einwand recht, dass das Fest der Medana bekannt für die zahllosen verrückt scheinenden Ereignisse und Erlebnisse war, von denen zwei flitzende Kobolde samt Gepäck noch recht harmlos schienen. Zudem stand zu dieser Stunde in der Nacht nahezu jeder Besucher unter dem Einfluss von Alkohol und anderen Rauschmitteln. Der eine hatte die Räuber für eine Halluzination gehalten, die andere konnte sich ob des skurrilen Anblicks der Entführer und ihrer Geisel vor Lachen den Bauch nicht halten. Im Grunde konnten die beiden Verfolger froh sein, dass überhaupt noch ein paar Befragte die Geistesgegenwart besaßen, ihnen die Richtung zu weisen, welche die Kobolde genommen hatten.

Schließlich führte die Hatz die beiden Jäger jedoch an einen großen Platz, auf dem auch zu dieser späten Stunde noch eine beachtliche Besuchermeute ausgelassen feierte. Ein paar Musikanten spielten auf, mitten auf dem Platz loderte ein großes Feuer, und drumherum tanzten und lachten Menschen, Elfen und andere Wesen. Krämer mit Bauchläden verkauften den Berauschten allerlei Tand, um den Platz herum wurden an großen Ständen Speis und Trank feilgeboten.
Leider schien die Spur der Kobolde endgültig verloren. Egal, wen sie fragten, niemand wollte etwas gesehen haben. Sie ernteten geistlose Blicke, Gelächter und manches Angebot für sexuelle Handlungen, aber keine gesicherte Erkenntnis darüber, ob die Entführer überhaupt an diesem Platz vorbei gekommen waren.
Entnervt schob Luzitus einen weiteren Südländer fort, der ihm "eine Rose für die bezaubernde Dame" andrehen wollte. Der Spielmann hatte alles andere als ein aufbrausendes Gemüt, aber die wachsende Verzweiflung ließ ihn dem armen Mann gegenüber ungewohnt Harsch werden.
"Welche Laus hat Dir denn in den Hintern gebissen?" hörte er hinter sich eine vertraute Stimme.
"Valilia..."
"Schön, dass Du mich noch erkennst!" erwiderte die Angesprochene pikiert. Sie warf Sylva einen abschätzigen Blick zu. "Für die hast Du mich sitzen lassen?"
"Ich wollte nicht..."
"Immerhin ist sie hübsch. Aber hättest ja wenigstens Bescheid sagen können. Ich habe bis vor einer Stunde darauf gewartet, dass Du endlich zu mir kommst!"
"Es tut mir Leid..."
"Das sollte es! Ich wollte die Nacht nicht ungevögelt verbringen!“
Luzitus warf Sylva einen flüchtigen Blick zu, um zu sehen, wie diese auf die direkten Worte der Magierin reagierte.
Die Akrobatin schien sich jedoch nicht daran zu stören. "Hätte ich gewusst, dass so eine schöne Frau auf Luzitus wartet, hätte ich ihn nicht aufgehalten. Oder wäre gar gleich mitgekommen!"
Valilia beäugte die Blondine jetzt neugierig.
"Hübsch und nicht auf den Mund gefallen. Unser Luzi hat halt Geschmack." gab sie schließlich lächelnd die kühle Fassade auf. "Wer bist Du denn? Und was macht ihr noch hier? Eigentlich solltet ihr es längst wie die Karnickel treiben!"
Nachdem das Eis gebrochen war, und die Damen sich untereinander vorgestellt hatten, ergriff Luzitus wieder das Wort und erzählte Valilia, was geschehen war. Diese hörte aufmerksam zu, bis Luzitus schließlich ein Geistesblitz kam.
"Valilia, Du musst uns helfen! Kannst Du nicht... Ich meine, Du hast doch... Gaben!"
"Ich dachte schon, Du fragst nie!" erwiderte sie mit einem verschmitzten Lächeln.
"Was für Gaben?" fragte Sylva verwirrt. Doch als Antwort bekam sie von der anderen Frau nur ein geheimnisvolles Augenzwinkern.

Valilia führte Luzitus und Sylva zu ihrem Zelt, welches zum Glück nicht all zu weit entfernt aufgebaut war.
"Da drin sind wir ungestört." erklärte sie.
Innerhalb ihrer Unterkunft entzündete sie ein paar in Glasgefäßen geschützte Kerzen. Das Zelt war ausgesprochen geräumig. Weitere Lichter erstrahlten wie aus dem Nichts.
"Von innen wirkt es viel größer als von außen!" staunte Sylva.
"Das sagen alle. Es liegt daran, dass es so ist." gab Valilia zurück.
Der Eingang zu Valilias Zelt führte tatsächlich in einen großen Raum, der sich in einer anderen Daseinsebene befand. Neben einem riesigen Himmelbett, einem gewaltigen Spiegel und diversen Kommoden fand sich darin unter anderem auch ein magischer Zirkel.
Sylva verschlug es den Atem, als sie gewahr wurde, wo sie sich befand und was jetzt passieren würde. Die Anwendung von Magie und Zauberei war im gesamten Königreich Theradar strengstens verboten! Sie hatte oft Geschichten und Mythen darüber gehört, dass es noch Magier geben sollte, die im Reich der Menschen aktiv waren, aber sie hatte nie einen Beweis dafür gesehen, dass an diesen Legenden etwas wahres dran war. Bis heute!
Hätte sie Angst haben sollen? Vielleicht. Aber Sylva hatte sich nie vor dem unbekannten gefürchtet, und so machte sich wohlige Vorfreude in ihr breit, gemischt mit tiefer Neugier. Sie erlebte gerade echte Magie!
"Unter normalen Umständen würde ich die Umgebung nach der Spur von Helena absuchen." sinnierte Valilia in diesem Moment, "Dein Instrument hat eine sehr markante, astrale Signatur. Leider ist das gesamte Fest der Medana so voller Magie, dass solche sonst gut sichtbaren Spuren vollkommen überlagert werden. Zumindest für mich."
"Das heißt? Wer kann sie finden?" fragte Luzitus, dessen Hoffnung darauf, Helena zurück zu bekommen, längst wieder entflammt war.
"Mensuljo kann es."
"Wer ist das?"
"Mensuljo. Ein Freund. Genau genommen ist er ein Geist. Du kannst ihn Dir wie einen astralen Bluthund vorstellen."
"Und der kann Ferresande erschnüffeln?" brachte Sylva sich begeistert ein.
"Das könnte er, wenn deine Freundin Magierin wäre. Was ich bezweifle." erwiderte Valilia. "Mensuljo kann nur astralen Spuren folgen, und diese müssen durch die geballte Energie des Festes durchscheinen. Dazu reicht die Aura eines einfachen Menschen nicht."
"Und wie funktioniert das?" hakte Sylva nach.
"Wir brauchen lediglich ein Teil von Helena, an dem Mensuljo schnüffeln kann. Dann findet er die Sackpfeife in Windeseile."
"Aber wir haben nichts!" sagte Sylva enttäuscht.
"Doch, haben wir!" entgegnete Luzitus mit wachsender Zuversicht. Er nestelte an seinem Utensiliengurt, öffnete ein Täschlein und holte einen langen Gegenstand hervor. "Das ist das Mundstück, mit dem ich immer auf Helena spiele!"

Das anschließende Ritual würde Sylva ihren Lebtag nicht vergessen. Alles war so echt und doch so unwirklich gewesen. Valilia hatte sich in den magischen Zirkel gesetzt und Beschwörungsformeln gemurmelt. Je mehr die Magie in sie hinein geströmt war, desto heller hatten ihre Augen rot geleuchtet. Die Luft hatte geknistert, die Welt stand einen Moment still, und dann war Mensuljo erschienen.
Der Geist hatte sich tatsächlich in Form eines Hundes manifestiert. eine astrale, schimmernde Erscheinung, die Mensuljo laut Valilia auf ihren Wunsch hin angenommen hatte. Auch hatte die Magierin erklärt, dass nur die beim Ritual anwesenden Personen den Geist auf diese Weise sehen konnten, für alle anderen war er unsichtbar oder maximal ein kaum merklicher Schemen. Zumindest für alle, die nicht zur Magie fähig waren.
Sylva war dies nur recht. So nützlich der Geisterhund auch sein mochte, sie wollte nicht unbedingt bei der - wenn auch indirekten - Nutzung von Magie beobachtet werden. So etwas konnte schnell zu einem unerwünschten Rendezvous mit einer Guillotine führen. Happy End ausgeschlossen.

Mensuljo hetzte die Wege entlang und blieb immer wieder sitzen, um ungeduldig auf die beiden lahmarschigen Menschen zu warten. Valilia war nicht mitgekommen, da sie sich an diesem Tag durch ihre Vorführungen schon sehr magisch verausgabt und die Beschwörung sie endgültig ausgelaugt hatte. Mensuljo war das egal. Er hatte einen Auftrag, und den erfüllte er mit aller Leidenschaft, die in seinem Geisterherzen tobte. Es galt eine Beute aufzuspüren!
Die Spur der Pfeife lag klar vor ihm. Ihr einzigartiges Aroma waberte zwischen all den anderen Gerüchen. Er war in der Lage, jede magische Facette zu unterscheiden, und durch das Mundstück hatte er eine ganz klare Vorstellung des Odeurs, dem er folgen musste.
Wieder musste er sich hinsetzen und warten. Er unterdrückte den Impuls, zu hecheln. Menschen vertrugen die Begegnung mit Geistern deutlich besser, wenn diese eine Vertraute Form annahmen, aber die Verhaltensmuster eines primitiven Vierbeiners komplett zu kopieren, wäre Mensuljo dann doch zu weit gegangen.
Kaum waren der Mann und die Frau nah genug heran, um ihn nicht aus den Augen zu verlieren, flitzte er wieder los.

Der rastlose Geist hetzte Sylva und Luzitus regelrecht über den nächtlichen Zeltplatz. Mittlerweile ging es stramm auf die Morgendämmerung zu und somit wurde es ruhiger auf dem Gelände. Dennoch passierten sie immer wieder einzelne Feiernde, die dem rennenden Paar aber meist keine weitere Beachtung schenkten.
Die Hatz führte das Trio immer weiter weg vom Zentrum des Festgeländes, in die dunklen, abseitigen Gefilde, wo so gut wie niemand mehr wach war.
Schließlich blieb Mensuljo vor einem größeren, schief und scheel aufgebauten Zelt sitzen. Als der Spielmann und die Akrobatin heran waren, huschte der Geisterhund durch die Zeltplane, als wäre sie aus Luft.
Aus dem Inneren des Gebildes drangen Stimmen. Quietschig-krächzende Stimmen, wie sie das Klischee von Kobolden erwartet.
"Ich verstehe noch immer nicht, warum wir die Frau mitgenommen haben."
"Ich finde sie hübsch."
"Du findest sie hübsch? Fat, das ist eine Menschenfrau!"
"Das verstehst Du nicht, Fet!"
"Was verstehe ich nicht, Du dämlicher Knarfkäfer?"
"Die Liebe!"
"Die... was? Dir haben sie wohl die Ohren abgekaut! Der Mann wollte nur das Dudelding, jetzt haben wir noch eine Menschin an der Backe!"
"Aber sie ist so hübsch..."
Luzitus hatte genug gehört. Er wollte ins Zelt stürmen um Helena zurück zu bekommen und Ferresande aus den Fängen dieser grässlichen Biester zu befreien, doch Sylva hielt ihn zurück. Sie zog ihn hinter einen nahestehenden Holzkarren.
"Da kommt noch wer!" wisperte sie.
Und tatsächlich stapfte jemand energisch auf das Zelt der Kobolde zu. Von der Statur und vom Gang her handelte es sich offenbar um einen menschlichen Mann, aber mehr war in der Dunkelheit nicht zu erkennen. Der Neuankömmling hatte sich komplett in einen schwarzen Umhang gehüllt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Der Fremde riss die Plane vorm Zelteingang wutentbrannt zur Seite und stürmte hinein, worauf die beiden Streithähne im Inneren in grässlichem Missklang aufkreischten.
"Graaaaa... Ach, Du bist es!" stellte Fet fest.
"Wie könnt ihr es wagen?" brüllte der Neuankömmling.
Luzitus war irritiert. Konnte es sein? Ein rascher Blick zur erblassten Sylva verriet ihm, dass er sich nicht verhört hatte.
"Wie könnt ihr mickrigen Bastarde es wagen, meine Schwester zu entführen?!"
Spätestens jetzt war klar, dass es sich bei dem Fremden um Halfas handelte!
"Deine was?" Fet klang verwirrt.
"Ich liebe sie!" ereiferte sich Fat.
"Nimm Deine dreckigen Finger von ihr oder ich dreh Dir den runzeligen Hals um!" fauchte Halfas.
"Ja Chef!" Fat klang auf einmal ziemlich ängstlich.
"Aber... Aber... wir haben getan was Du wolltest!" erklang Fets zittrige Quietschstimme.
"Ihr solltet nur diese blöde Pfeife klauen, ihr Krötenhirne!" Halfas Stimme war bedrohlich ruhig geworden. "Für das, was ihr meiner Schwester angetan habt, mache ich Euch kalt!"
Sylva hatte sich so schnell bewegt, dass Luzitus einen Moment brauchte, um zu verstehen, dass sie sich bereits im Zelt befand. Eilig huschte er hinter ihr her.
"Noch eine Frau!" kreischte Fet erschrocken.
"Die darfst Du haben. Meine ist hübscher!" befand Fat.
"Was? Argh..." Halfas stöhnte schmerzerfüllt auf.
Als Luzitus ins Zelt drang, versuchte er sich schnellstmöglich einen Überblick zu verschaffen An einer Seite befand sich ein großer Haufen mit allerlei Krempel, aber auch einigen glänzenden Schmuckstücken, offenbar handelte es sich um Diebesgut. Obenauf hatte man Helena achtlos abgelegt, aber auf den ersten Eindruck hin war sie unbeschadet, was ihn erleichtert aufseufzen ließ. Vor dem Haufen saß Mensuljo und schaute ihn mit schräg gelegtem Kopf und großen an, als erwarte er ein Leckerli.
Ein Stück weiter lag Ferresande auf dem Boden. Gefesselt, geknebelt und bewusstlos, aber sie atmete. Hinter ihr stand ein zitternder Kobold, der die Arme in die Luft streckte. Ein weiterer Kobold drückte sich an der gegenüberliegenden Seite gegen die Zeltwand, als wolle er durch den dicken Stoff tunneln. Ebenfalls auf dem Boden lag fluchend und wimmernd Halfas. Er krümmte sich vor Schmerzen. Offenbar hatte ihn etwas ziemlich fest im Genitalbereich getroffen. Über ihm stand Sylva, bebend vor Wut und mit Tränen in den Augen.
"Wie konntest Du nur?" presste sie hervor.
"Sylva ich... ich wollte diesem Aufschneider nur eine Lektion erteilen!" kam die fadenscheinige Antwort, von Halfas, der gegen unbändige Schmerzen ankämpfte.
"Du wolltest was?" Sylva lachte auf, doch es klang bitter. "Ich erkenne Dich nicht mehr! Wo ist der Junge geblieben, der mir die Freiheit gezeigt hat? Was ist nur aus Dir geworden?"
"Ich bin immer noch derselbe. Du bist es, die sich verändert hat! Ständig machst Du dich an andere Kerle ran!" Halfas hatte sich auf seine Arme gestützt, es fiel ihm aber sichtlich schwer, aufzustehen.
"Ich war Dir immer treu Halfas, ich habe Dich so sehr geliebt." Ihre Stimme wurde brüchig. "Ich hätte Dir vieles verziehen, aber das, was Du hier abgezogen hast, war hinterhältig und abscheulich. Deine Schwester und Celestria sind verletzt worden, weil Du deine krankhafte Eifersucht nicht im Griff hast. Hol Deine Sachen aus unserem Zelt, ich will dich nicht mehr sehen!"
Mit diesen Worten schritt sie durch den Eingang. Luzitus, der zuvor Ferresande von ihren Fesseln befreit hatte, warf sich Helena über die Schulter und folgte ihr. Halfas würdigte er keines Blickes, aber dem Kobold, den er für Fet hielt, raunte er im vorbeigehen zu:
"Macht Euch von dannen. Ich werde den Wachen von Eurem Diebesnest hier berichten, die werden in wenigen Minuten hier sein!"

Die warme Morgensonne brannte unerbittlich. Luzitus saß auf der Kante der Hauptbühne. In seinen Armen lag Sylva, deren Tränen versiegt waren, die aber gelegentlich einen Schluchzer von sich gab. Mittlerweile schwiegen sie. Es war ein angenehmes, vertrautes Schweigen. Er spürte ihren Atem an seiner Schulter und wusste, sie gehörte fortan zu ihm.
Im Licht des angebrochenen Morgens tummelten sich schon so manche Frühaufsteher auf dem Festgelände. Einige gingen zu den Wassertrögen um sich zu waschen, andere schwärmten von den Erlebnissen des vorangegangenen Tages. Nicht wenige hatten bereits zu dieser frühen Stunde Krüge und Becher mit alkoholischen Getränken in den Händen.
Luzitus überlegte, ob ein guter Met vielleicht helfen konnte, die Müdigkeit zu vertreiben, die ihn zu übermannen drohte. Die letzte Nacht und der ausgebliebene Schlaf steckten ihm tief in den Knochen, was in einem gewaltigen Gähnen seine Wege brach.
"Oh nein!" schrak Sylva auf. "Gleich ist Dein großer Auftritt und Du hast keinen Schlaf bekommen!"
"Schlaf wird überbewertet." Ein weiteres Gähnen strafte Luzitus Worte Lügen.
"Es tut mir so Leid! Wegen mir musstest Du Dir die Nacht um die Ohren schlagen!"
"Dich trifft keine Schuld."
"Es war mein Exfreund, der dieses ganze Dilemma gestartet hat. Und das, weil ich die Finger nicht von Dir lassen konnte!
"Eben, er hat den Mist verzapft. Und wag' es Dich, die Finger von mir zu lassen!"
Luzitus gab Sylva einen zärtlichen Kuss. Egal, was die Zukunft bringen mochte, eines war gewiss: Er wollte sie mit dieser Frau verbringen!
Mit der freien Hand strich er über Helenas ledernen Beutel. Wie er in gut einer Stunde den Auftritt überstehen, geschweige denn die Zuschauer begeistern sollte, war ihm schleierhaft. Immer wieder fielen ihm die Augen zu. Am liebsten würde er den ganzen Tag lang schlafen. Natürlich mit Sylva in seinem Arm. Ein lautes Poltern riss ihn aus seinem Sekundenschlaf.
"Heyda, Luzi. Auf mit Dir!" dröhnte die tiefe Stimme von Aramandis viel zu laut in seinem Ohr. Luzitus hatte nicht einmal mitbekommen, dass seine Gefährten eingetroffen waren und die Bühne vorbereiteten. Aramandis richtete gerade seine Trommeln aus, während Celestria das Banner des Triumvirates am dafür vorgesehenen Mast hisste.
"Aramandis, mein Freund!" Luzitus raffte sich auf und reichte dann Sylva die Hand, um ihr aufzuhelfen. Die grinste ihn nur an und glitt in der unvergleichlichen Eleganz einer geübten Akrobatin auf die Beine, natürlich ohne seine Hilfe. Anschließend nahm sie aber gerne seine Hand. Gemeinsam schlenderten sie zu den anderen.
"Celli hat mir alles erzählt. War ‚ne harte Nacht, was?" Aramandis legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. Dieser schaute zur Albail, deren Platzwunde unter einer gekonnt aufgetragenen Lage Schminke verschwunden war. Je nach Blickwinkel konnte man aber die darunter befindliche Beule gut erkennen.
"Alles Bestens!" Celestria zwinkerte Sylva zu. "Ich hatte eine gute Ersthelferin!"
Erneut machte sich tiefste Erschöpfung in Luzitus breit.
"Freunde, die Nacht war zu heftig. Ich glaube nicht, dass ich das gleich packe."
Er erwartete bittere Enttäuschung, doch seine Mitmusiker grinsten ihn nur an.
"Keine Müdigkeit vortäuschen!" lachte Aramandis. Er holte eine gläserne Phiole hervor, in der eine bläulich schimmernde Flüssigkeit schwamm. Das Zeug schien zu glühen!
"Was ist das?" fragte er skeptisch.
"Ich bin vorhin Valilia begegnet." erklärte Aramandis. "Sie war der Meinung, Du könntest das hier vielleicht brauchen.“
"Das macht mich wach?" fragte Luzitus hoffnungsvoll.
"Mehr noch." lachte Aramandis. "Es verleiht Flügel!"

Veröffentlicht: 21.11.2018

Zurück Zur Geschichten-Übersicht