Frank van Düren - Willkommen in meiner Welt
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Der Nachtwächter

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„Schau mal Papi, mein Pferd!!“
Brees musste unwillkürlich lächeln, als Jette ihm die Holzfigur vor das Gesicht hielt. Er selbst hatte seiner Tochter das Spielzeug ja selbst während der Nachtschichten geschnitzt.
„Ich weiß, mein Augenstern. Und schau mal, was ich hier für dich habe!“
„Huh, eine Muhkuh!“
Der strahlende Glanz in Jettes Augen entlohnte ihren Vater allemal für die vielen Stunden Arbeit und die zahllosen Splitter, die er sich dabei in die Finger gezogen hatte. Er hatte schon immer Geschick am Messer bewiesen, und so konnte er seiner Kleinen wenigstens etwas bieten.
Brees war Nachtwächter in Diensten des finsteren Lord Rakatos. Viele bezeichneten den Lord als einen Tyrannen, aber immerhin zahlte sein Kämmerer den Sold stets pünktlich. Nur so konnte Brees seine geliebte Frau Anina und die kleine Jette ernähren. Und bald wären sie sogar zu viert!
„Mamas Bauch ist schon ganz dick!“ ereiferte sich Jette begeistert. Als ob sie Brees Gedanken gelesen hatte!
„Ja Sternchen, das ist er. Es dauert nicht mehr lange, dann bekommst Du ein Brüderchen!“
Ganz sicher sein konnte er sich ob des Geschlechts freilich nicht. Er verließ sich da auf die Aussage der Amme, die bei solchen Prognosen eigentlich immer Recht hatte.
Aus dem Inneren ihrer kleinen Hütte duftete es gar köstlich. Anina bereitete das Abendessen vor. Sie mochten nicht viel haben, aber seine geliebte Gattin verstand es, aus den wenigen Mitteln, die ihr zur Verfügung standen, stets schmackhafte Mahlzeiten zu zaubern.
Heute gab es sogar Kaninchen zur Suppe! Er hatte das Tier am Morgen erlegt, als er in der Dämmerung von der Schicht nach Hause gelaufen war. Inständig hoffte er, dass niemand ihn dabei gesehen hatte, denn Wilderei war strengstens verboten, wie so viele Dinge. Die Jagd stand lediglich Lord Rakatos und seinen engsten Vertrauten zu.Wäre er erwischt worden, man hätte ihn gehängt! Aber da bis jetzt noch keine Häscher an ihrem Heim aufgetaucht waren, ging er davon aus, dass er unbeobachtet geblieben war.
Eine Weile spielte er noch mit Jette. Dann erschien Anina an der Eingangstür der Hütte und holte ihre Liebsten zum Essen herein.

„Hast Du den Kämmerer nun um eine Erhöhung deines Solds gebeten?“ fragte Anina nicht zum ersten Mal.
Brees legte die halb abgeknabberte Keule in die Suppenschüssel.
„Nein Liebes, ich habe ihn seit dem letzten Zahltag nicht gesehen.“ wiederholte er geduldig.
„Du musst ihn fragen! Das Geld wird immer knapper, und bald haben wir noch ein Mäulchen mehr zu stopfen!“
„Ich weiß es doch.“ erwiderte Brees und versuchte, nicht resigniert zu klingen. „Gleich morgen nach der Schicht suche ich ihn in seinen Gemächern auf. Versprochen!“
„Das hast Du gestern schon gesagt. Tu es diesmal bitte wirklich!“
Brees hasste es, seine Frau so zu sehen. Seit sie von der Schwangerschaft wussten, geriet Anina immer mehr in Panik. Sein Sold war knapp bemessen, und die Eintreiber des Lords machten auch vor ihm nicht Halt. Ein Soldat musste wie jeder andere Bürger seine Steuer begleichen.
„Noch ist das Kind nicht geboren.“ grummelte er. „Und wenn es erst einmal da ist, wird es an deiner Brust hängen. Es ist also noch genug Zeit, um meine Einkünfte zu erhöhen!“
„Ich würde dir so gerne helfen.“ seufzte Anina.
Brees ergriff die Hand seiner Gattin und strich über deren Rücken. Seit der Geburt von Jette litt sie unter Schwächeanfällen, die es ihr unmöglich machten, ebenfalls einer Arbeit nachzukommen. So musste er alleine den Unterhalt besorgen, während sie nach Kräften die Hütte rein hielt.
„Du darfst Dich nicht übernehmen! Die Amme hat gesagt, dass Du die Geburt des Jungen nur überstehst, wenn Du bei voller Kraft bist!“
„Das bin ich doch!“ gab sie vor, doch er wusste genau, dass sie schwindelte.
„Ich könnte noch mehr Pfeilschäfte anfertigen.“ schlug Brees vor. „Der Waffenmeister war recht angetan von meiner letzten Lieferung. Und er braucht dringend Nachschub. Das gibt immerhin ein kleines Zubrot!“
„Natürlich braucht er Nachschub. Die Rebellen werden immer mehr!“ ereiferte sich Anina.
„Es klingt, als würde Dich das freuen.“ entgegnete ihr Mann missmutig.
„Es heißt, Aramar hätte eine kleine Armee um sich geschart und will Rakatos stürzen! Recht würde es ihm geschehen...“
„Wie kannst Du so etwas sagen, Weib?“ rief Brees erbost und sprang auf. „Ohne Lord Rakatos hätten wir gar nichts!“
„Er beutet das Volk nur aus!“
Brees wollte ihr etwas entgegen schmettern, doch in diesem Moment fing Jette laut an zu schluchzen. Schon tat es ihm wieder leid. Er nahm seine Tochter in den Arm und tröstete sie. Zu seiner Frau sagte er leise: „Ich weiß, dass mein Lehnsherr ein strenger und unnachgiebiger Herrscher ist. Doch wenn er mich nicht entlohnen würde, wer dann?“
Dem widersprach Anina nicht. In ihren Augen sah er jedoch ihren Unwillen und den Wunsch nach einem anderen Leben.

Zu späterer Stunde, er hatte Jette ins Bett gebracht und ihr eine Geschichte zum Einschlafen erzählt, machte sich Brees für die Schicht fertig.
„Ich möchte nicht mit Dir streiten.“ sprach er traurig.
„Meinst Du, ich möchte das? Ich mache mir schlicht Sorgen um Dich!“ Ihre Augen glitzerten. „Sollten die Rebellen den Lord angreifen, entscheide Dich für die richtige Seite. Bitte!“
„Da gibt es nichts zu entscheiden. Ich bin treu!“ sprach er mit voller Überzeugung.
„Ja, das bist du wohl.“ gab sie zurück. Und zum ersten Mal, seit sie sich kannten, schien sie nicht froh über seine Standhaftigkeit.

„Du ziehst ein Gesicht, als seist Du in Kuhdung gestapft.“ neckte Hodir Brees. Der Hüne überragte Brees um anderthalb Häupter und war von beeindruckender Statur. Hodir war Brees Partner bei der Nachtwache und sein bester Freund. Genau genommen war er sogar sein einziger, wahrer Freund. Sie machten sich soeben für die Schicht fertig. Brees nestelte unzufrieden an seinem Lederwams herum, während sein großer Kamerad seinen Helm auf Hochglanz polierte. Andere Wachen waren ebenfalls damit beschäftigt, sich für den Dienst fertig zu machen.
„Es ist wegen Anina.“ gab er zu und berichtete in knappen Worten, was sie über die Rebellen gesagt hatte. Die Geldsorgen verschwieg er indes. Diese wollte er selbst Hodir gegenüber nicht zugeben.
„Soll dieser vermaledeite Aramar nur kommen! Den knöpfe ich mir höchstpersönlich vor!“ grollte Hodir. Aus dem Mund des Hünen klang diese Drohung wir eine dunkle Prophezeiung.
„Natürlich wirst Du das.“ sagte Brees.
Sein Lächeln jedoch war gezwungen. Längst machten sich Zweifel in ihm breit und er sann über die Worte seiner Gattin nach.
Brees war in der Gewissheit aufgewachsen, dass Treue und Folgsamkeit die wichtigsten Tugenden seien. Schon sein Vater hatte ihm stets gepredigt, dass er Gehorsam zu sein habe. Und wenn Brees dann doch mal aufbegehrte, hatte es Schläge gehagelt.
Wohl war Brees kein Duckmäuser geworden. Um sich gegen seinen Vater zu behaupten, hatte sich der Junge der Wache des Lords angeschlossen. Die Ausbildung war hart gewesen und hatte einen Mann aus ihm gemacht. In dieser Zeit hatte er auch Hodir kennengelernt, mit dem er seitdem durch Dick und Dünn gegangen war.
Während der Ausbildung hatte er auch seine geliebte Anina kennengelernt. Sie war die jüngste Tochter eines Vieh-Bauern und hatte diesen immer begleitet, wenn er die Wache mit Milch und Fleisch beliefert hatte.
Er hatte sich gleich in sie verliebt, aber musste lange um sie buhlen. Anina hatte unter den Rekruten viele Verehrer gehabt. Während jedochdie Anderen dem jungen Mädchen nur unter den Rock wollten, konnte der treue Brees sie schließlich von seinen ernsten Absichten überzeugen.
Der harte Drill während der Ausbildung hatte ihn in seiner Standhaftigkeit nur noch gestärkt. Mochte Lord Rakatos im Volk ob seiner Strenge und Grausamkeit gefürchtet werden, so sah Brees in seinem Herrn vor Allem Beständigkeit und Sicherheit. Es war seine Aufgabe, den Lord und sein Gefolge zu verteidigen.
„Wir müssen los!“ drängte Hodir und wies auf die Tür der Waffenkammer. Mittlerweile waren sie alleine. „Wenn wir nicht rechtzeitig auf unserem Posten sind, sind die Rebellen unsere geringste Sorge!“

Angestrengt starrte Brees in die Dunkelheit der Nacht. Vor den Mauern der Festung war es so still und friedlich wie eh und je, doch der Schein mochte trügen. Der wachhabende Offizier hatte seine Männer zu höchster Wachsamkeit ermahnt, denn natürlich waren die Gerüchte um einen bevorstehenden Rebellenangriff längst bis zum Herrscher vorgedrungen.
Nach außen schien alles wie immer. Brees, Hodir und die anderen Nachtwächter patrouillierten auf den Festungsmauern und im Hof, wie sie es jede Nacht taten. Doch in den Ställen und Wachkammern hielten sich viele weitere Kämpfer verborgen, die eingreifen würden, sollte Aramar tatsächlich einen Angriff auf Lord Rakatos wagen. Es handelte sich hierbei um grausame Krieger, die normalerweise durch die Nachbarlande zogen und für den finsteren Fürsten raubten, plünderten und mordeten. Diese verborgenen Horden flößten Brees fürchterliche Angst ein. Er hoffte inständig, dass kein Rebell so lebensmüde wäre und in diese Falle tappte, denn das Ergebnis wäre in jedem Fall ein Massaker.
Schnell schob Brees diese Vorstellung beiseite. Vor seinem geistigen Auge erschien seine Frau Anina, die mit ihrem hübschen Kugelbäuchlein gerade sicherlich selig schlief. Jette würde an sie gekuschelt sein, denn wenn der Vater schon in der Nacht nicht zuhause war, dann gab es so wenigstens etwas körperliche Nähe. Wie sehr sehnte er sich danach, bei seinen Liebsten zu sein und diese im Arm zu halten!

Hodir übernahm gerade die Patrouille. Ihre Wache lief immer nach dem gleichen Prinzip ab. Ein Wachmann streifte über den Wehrgang zwischen zwei Wachtürmen, während der andere im Schatten eines Turmes Rückendeckung gab. Wenn der erste beim nächsten Turm angelangt war, folgte sein Kamerad. Anschließend ging es in gleicher Weise wieder zurück, so dass jede Zweiergruppe einen Mauerabschnitt kontrollierte.
Brees und Hodir waren ein eingespieltes Duo.
Hodir hatte gerade den gegenüber liegenden Turm erreicht, als der Alarmruf ertönte. Irgendwo im Innenhof erklang das Geschepper von Waffen. Weitere Befehle vermengten sich mit Schmerzensschreien. Brees konnte nicht erkennen, wo in dem weitläufigen Gelände genau die Kämpfe stattfanden. Es war in jedem Fall noch ein gutes Stück entfernt. Auf der Suche nach dem Kampfherd suchte er das schwach beleuchtete Gelände nahe der Mauer mit seinen Blicken ab. Seine Finger umklammerten seine Hellebarde so fest, dass die Knöchel weiß anliefen.
Brees Furcht wuchs. Er war ein guter Rekrut gewesen und hatte viele Übungskämpfe gewonnen, aber eine ernsthafte Schlacht war ihm bisher immer erspart geblieben. Ein wenig hoffte er, dass dieser Kelch auch jetzt an ihm vorüberging und die Wächter und verborgenen Horden im Hof selbst den Rebellen den Garaus machten. Er hatte, wie alle Mauerwachen, strikten Befehl, seinen Posten nicht zu verlassen und den eigenen Bereich abzusichern.
Plötzlich klirrte es ganz in seiner Nähe.
„Du verdammter...“ Das war Hodirs Stimme! Brees wandte sich suchend um und sah, dass sein Freund in Bedrängnis war. Wie aus dem Nichts war der Hüne von drei Angreifern umringt, die mit ihren Schwertern nach ihm stachen und zugleich große Mühe hatten, der weitläufig geschwungenen Hellebarde des Nachtwächters auszuweichen.
Ein weiterer Eindringling schwang sich gerade über die Mauer. Offenbar hatten die Rebellen die Ablenkung im Innenhof genutzt, um Leitern an die Verteidigungsanlage zu legen und so das scheinbar unüberwindbare Bollwerk zu stürmen! Auch von den anderen Mauerabschnitten ertönte nun Kampfeslärm. Gerade wollte Brees sich auf den neuen Angreifer stürzen, da fiel ihm auf, dass dieser ihn nicht zu sehen schien. Natürlich, er stand ja im tiefsten Schatten hinter einem Mauervorsprung!
Der Rebell hatte sich in seine Richtung gewandt und schlich vorsichtig auf den Wachturm zu, an dessen dunkle Mauern Brees sich lehnte. Im Dunkel der Nacht wusste der Krieger nicht, was ihn erwartete. Kaum war er in Reichweite, stieß Brees seine Hellebarde nach vorne, sodass sich die lange Spitze tief in die Brust des nur mit einem Lederwams geschützten Mannes bohrte. Mit vor Schreck und Schmerz geweiteten Augen stieß der Rebell ein Gurgeln aus, wobei etwas Blut seine Wangen hinab lief. Dann stürzte er rücklings die Mauer hinab in den Innenhof. Brees konnte seinen Spieß gerade noch mit einem Ruck aus dem Körper seines Gegners ziehen, sonst hätte der fallende Körper ihn entwaffnet!
Er zitterte am ganzen Leib. Noch nie hatte er einen Menschen getötet. Das Gesicht des sterbenden würde er nie vergessen! Der Wächter atmete tief ein, dann erfasste sein Blick den noch immer tapfer kämpfenden Hodir. Dieser hatte zwei seiner Feinde niedergestreckt und lieferte sich einen erbitterten Kampf mit dem verbliebenen Angreifer. Dieser war groß gewachsen, mit lang wallendem, blondem Haar und einem Kettenhemd. Der fremde Krieger bewegte sich äußerst behände und setzte seinen Anderthalbhänder über die Maße geschickt gegen Hodir ein. Brees Freund schnaufte und schien sich kaum noch der Attacken erwehren zu können. Zugleich kam der Kampfeslärm im Hof immer näher und auch auf den anderen Mauerabschnitten wurde es lauter.
‚Ich muss ihm helfen!' erkannte Brees und stürmte über den Wehrgang auf den blonden Krieger zu, der Hodir mit einer geschickten Angriffsserie in die Defensive gedrängt hatte, aber nichts davon ahnte, dass Brees sich in seinem Rücken mit großen Schritten näherte.
Gerade als Brees in Angriffsreichweite kam, erwischte der Rebellenkrieger Hodir mit einem Schwertschlag am Hals. Das Blut des großen Wächters schoss hervor, er packte sich an die Gurgel und stolperte gegen die Wehr, fiel dann zwischen zwei Zinnen hinab.
„Nein!“ stieß Brees hervor, als er seinen Freund stürzen sah.
Gewarnt vom Ausruf des Wächters wirbelte der Blonde herum. Brees erstarrte. Das vor ihm war der leibhaftige Aramar! Diese eisblauen Augen, die tiefe Narbe, welche über seine rechte Wange lief und ihm von Lord Rakatos in einem früheren Kampf zugefügt worden war, er musste es sein. Brees dachte an Aninas Worte, dass er sich für die richtige Seite entscheiden sollte. War Aramar vielleicht der Gute? Rettete er das Volk vor einem Tyrann, so wie es viele erhofften?
Brees öffnete den Mund, doch kein Ton kam über seine Lippen. Erst jetzt spürte er den Schmerz, sah die Klinge in seiner Brust. Aramars Schwert hatte sich in das Herz des Wächters gebohrt.
Brees letzter Gedanke galt Jette. Er hatte ihr versprochen, einen Drachen für sie zu schnitzen. Das würde er nun nicht mehr schaffen.
Dann wurde es schwarz.

Veröffentlicht: 29.10.2018

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